Von der Suche nach dem anhaltenden Glück

VonJudith Mücke

Von der Suche nach dem anhaltenden Glück

Ein glückliches neues Jahr wünsche ich dir!“

Diesen Satz habe ich in den letzten Wochen oft gehört und dies nun zum Anlass genommen, einen Artikel über das Glück zu schreiben.

Menschen, die zu mir kommen sind oftmals unglücklich. Nehme ich UnglücklichSein als geistig-seelisch-körperliche Verfassung wahr, dann kann das ungefähr so aussehen:

>> Das Level der vitalen Energien ist meist deutlich herabgesetzt. Der Körper fühlt sich erschöpft und anfällig an. Manchmal durch Bewegungsmangel. Oft aber auch durch ein permanentes funktionieren müssen. Im Kopf wuseln destruktive Gedanken umher. Grübeleien, aber auch abwertende Gedanken beherrschen den Verstand. In der Gefühlswelt, die vorsichtshalber meistens gemieden wird, wartet ein brodelnder Gefühlsbrei aus Enttäuschung, Traurigkeit, Schmerz und Wut. Und diese innere Verfassung wird entweder durch einen zusätzlichen Druck belastet, der sagt: „Reiß dich zusammen und komm auf die Hinterbeine. Ist doch alles in Ordnung. Geh arbeiten.“ Oder durch eine Schwere, die sagt: „Rückzug. Ich werde mich verstecken, bis alles vorbei ist. Ich fühle mich dem Leben nicht gewachsen. Am besten alles reduzieren und schön den Ball flach halten. Lieber im Bett bleiben.“ <<

UnglücklichSein ist eine komplexe Sache, die sich im Laufe vieler Jahre schleichend entwickelt. Ich habe heraus gefunden, dass die tiefe Ursache für unser Unglück, die unbewusste Suche nach dem anhaltenden Glück. Diese kann uns für viele Jahre ununterbrochen davon abhalten, zu uns zu kommen und bei uns zu bleiben.

Was macht uns jetzt glücklich? Sicherlich fallen jedem auf Anhieb einige Dinge ein, die uns augenblicklich glücklich machen würden. Vielleicht ist es etwas zu Essen, Musik, neue Kleidungsstücke, das Glas Wein, der perfekte Partner, eine Runde joggen oder zocken, lustvoller Sex, lange schlafen, vielleicht auch harmonische Momente, berührende Filme oder viel Arbeit. Es kann auch sein, dass dich mehr Gesundheit, Einkaufen, Tanzen, für Andere da sein, gute Gespräche, Autofahrten, Alleinsein, Meditation oder Rockkonzerte glücklich machen.

Was es auch sein mag, jeder Glücksmoment, den wir erzeugen und erleben, wird vorübergehend sein. Nichts von alledem kann uns daher eine anhaltende Erfüllung, also anhaltendes Glück bringen.

Die Natur aller Dinge ist Vergänglichkeit. Es gibt nichts in dieser Welt, was nicht irgendwann einmal vergeht. Einiges schneller: wie ein Gedanke, ein Rausch, ein Wutanfall oder ein Lachen. Anderes bleibt uns länger erhalten: wie so manche Krankheit, der Arbeitsalltag, der Wohnort, unser Körper, eine Freundschaft, eine Stadt oder ein Gebirge. Es spielt keine Rolle, um was es sich handelt, alles ist der Veränderung unterworfen und geht irgendwann dahin.

Das ist die Seite des Lebens, die wir normalerweise nicht so mögen oder sogar ignorieren, weil sie uns traurig macht, sogar starke Widerstände und Ängste in uns hervorrufen kann. Im Grunde leiden sogar die meisten Menschen mehr oder weniger darunter, dass es eine alles durchdringende Endlichkeit gibt, eine unaufhörliche Bewegung und Weiterentwicklung.

Nichts bleibt jemals so, wie es ist. Dies zu fühlen oder wahrzunehmen, kann uns haltlos machen oder auch zu einer gewissen Sinnlosigkeit im Leben führen. Da Wandel und Vergänglichkeit jedoch unser aller Leben beherrscht, sind wir immer auf der Suche nach etwas, was bleibt, was uns Halt und Richtung geben kann oder uns anhaltendes Glück verspricht. Diese Suche kann zu einer starken Triebfeder in unserem Inneren heranwachsen, worauf die äußere Welt natürlich sofort mit vielversprechenden Angeboten reagiert.

Es gibt eine große Auswahl von Möglichkeiten da draußen, die uns alle anhaltendes Glück versichern. Doch alles, was wir ausprobieren, wird nicht anhalten, denn Glücksgefühle nehmen kontinuierlich ab, sobald wir das erreicht, gefunden oder erlebt haben, was uns eigentlich längerfristig glücklich machen sollte.

Das berauschende Hochgefühl sinkt einfach wieder ab, Spannungen schleichen sich in die wohlige Entspannung ein, der innere Frieden wird durch Erwartungen gestört, Lachen versinkt in Ernsthaftigkeit, Harmonie kann bei all den launischen Mitmenschen nicht gehalten werden usw.. Also machen wir folgendes: wir wiederholen einfach permanent all das, was uns glücklich macht. Immer wieder organisieren wir uns sinnliche Freuden, emotionale Höhenflüge, Spannung, Spaß und Spiel.

Doch im Laufe der Zeit, brauchen wir immer etwas mehr davon, denn unser Glücksgefühl gibt sich mit der normalen Dosis bald nicht mehr zufrieden. Immer schneller flaut es in uns ab und wir müssen dafür sorgen, dass wir erneut etwas erzeugen, was uns glücklich macht. Irgendwann pendeln wir dann hin und her zwischen Unwohlsein, Drang, Erschöpfung oder Depression und dem permanenten Produzieren und Hervorbringen von Glücksmomenten.

Diese Bewegung zwischen den Polen und das anhaltende Bemühen ist für uns anstrengend und unbefriedigend. Wir kommen nicht mehr richtig zur Ruhe. Wir kommen nicht mehr zu uns. Und irgendwann merken wir, wie unglücklich wir sind. Doch wir können nicht erkennen, dass dies nur die Folge unserer Suche nach dem anhaltenden Glück ist, die uns hierher, in diesen unglückseligen Zustand gebracht hat … und wir machen weiter und weiter und weiter.

Erst wenn wir mit der Suche aufhören, inne halten, aufhören, uns auf Trapp zu halten und sehen, was wirklich ist, was mit uns wirklich los ist, uns fühlen und uns wieder wahrnehmen, dann kommen wir wieder zu uns, werden mehr zu uns selbst und treten sogar heraus aus dem Feld der Gegensätze und Vergänglichkeit.

Ganz konkret fangen wir an, das Kommen und Gehen der Dinge, der inneren Zustände und Situationen einfach nur noch zu betrachten, als das, was es ist: etwas Vorübergehendes. Die Vergänglichkeit wird einfach nur noch wahrgenommen und dem Strom der ablaufenden Erscheinungen in unserem Alltag zugesehen. Alles um uns herum und in uns drin scheint dann nur noch zu passieren, wir verschwinden nicht mehr darin, sondern schauen zu.

Am Morgen passiert dann ein Aufwachen und ein Augen aufmachen. Dann passiert vielleicht essen, trinken und zur Arbeit fahren. Wir sind ganz dabei, während all das passiert. Wir hören uns reden und lauschen. Da steigt eine Spannung in uns auf, was wir ganz genau mitbekommen. Gerade klammert sich der Verstand an eine blöde Vorstellung. Wir schauen uns das ganz genau an. Wir sind dabei ohne einzugreifen. Wir betrachten alles, was passiert. Ob nun schön oder unangenehm. Wir sind ganz bei der Sache. Ganz da. Werden plötzlich zu einer Handlung und zur nächsten, wir schauen und schauen.

Haben wir diesen Schritt gemacht, dann haben wir uns aus den leidvollen Fängen der sich permanent ändernden Zustände herausbewegt. Wir haben uns in einen Bereich bewegt, der etwas zuverlässiger und nicht ganz so launisch ist, wie der vorherige. Hier sind wir wach, offen und präsent. Wir bekommen alles mit. Wir sind ruhig und friedlich dabei.

Alles geht dahin, doch wir bleiben.

Endlich haben wir eine Ebene unseres Inneren entdeckt, die nicht so anstrengend ist, eine, bei der wir nicht so viel drauf zahlen müssen, wenn wir Glück haben wollen. Hier bekommen wir Ruhe und Frieden gratis. Wir sind anwesend und ganz bei der Sache. Finden Abstand und Gelassenheit. Das macht uns nun wirklich glücklich. Ein stilles feines Glück. Eines, das etwas abseits all jener Bemühungen um das emotionale Höher-schneller-weiter-Glück existiert. Jetzt haben wir es: das anhaltende Glück. Und wir genießen es, bis wir eines Tages entdecken, dass auch dieses Glücksgefühl wieder weniger wird. Wir bemerken, dass die reine Wahrnehmung, das Schauen und Betrachten dessen, was ist, auch vergehen will. So, wie wir vorher in der Suche und in all den Bemühungen zu Hause waren, sind wir jetzt in der Wahrnehmung angekommen und wenn wir es zulassen, dann geht auch sie dahin, so, wie alles andere auch vergeht.

Nach langem konzentrierten Schauen, was eben gerade ist, erleben und spüren wir immer deutlicher, dass wir immer außerhalb von dem bleiben, was gerade passiert. Vergeht auch dieser Zustand, werden wir ganz Eins mit allem, was ist. Das ist der Moment, in dem die Suche nach dem wahren Glück schließlich ein Ende findet. Jedoch nicht, weil wir bekommen haben, was wir wollten, sondern weil der leidende Sucher im Schauenden verschwunden ist und der gelassen Schauende im Seienden verging.

Und wenn der Seiende letztendlich ganz im Sein vergeht, dann wird klar, warum wir niemals das anhaltende Glück oder uns selbst finden können … es geht einfach nicht … denn wir können nicht etwas finden, was nie verloren ging und wir können niemals nicht wir selbst sein.

Auch in unseren Überzeugungen, in der Schwere und in all den Bemühungen um das anhaltende Glück, sind wir immer ganz wir selbst. Auch im Beobachten all dessen, im Vergehen und im ganz schlichten einfachen Dasein. Wir sind immer wir selbst. Es ist nur unser Ausdruck, der sich ändert, der vergehen kann und wieder neu wird.

Über den Autor

Judith Mücke editor

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