Depression – Teil II – seelische Unterdrückung

VonJudith Mücke

Depression – Teil II – seelische Unterdrückung

DSCF4585Bei einer Depression nehme ich auf der Gefühlsebene meiner Klienten einen oder mehrere der folgenden drei Aspekte wahr:

  • Trauer, Traurigkeit oder seelischer Schmerz werden absichtlich unterdrückt und verdrängt, bis sie nicht mehr gefühlt werden

  • Schock, plötzlicher Verlust oder ein zu großer seelischer Schmerz haben sich als Trauma abgespalten und abgekapselt

  • unverarbeitete Ereignisse aus der Familie (transgenerative Traumata) überfluten den inneren Raum einer Person

Abneigung gegen das Fühlen

Traurigkeit, Weinen und Co ist nicht jedermanns Sache.

Oft besteht eine regelrechte Abneigung gegenüber solcher Emotionen, bis hin zur Unfähigkeit, sie überhaupt noch fühlen zu können. Bei näherer Untersuchung stellt sich immer wieder heraus, dass die Person selbst, in der Regel bereits als Kind oder spätestens in der Pubertät, entschieden hat, solche Gefühle nicht mehr fühlen zu wollen. Die Gründe dafür können folgende sein:

  • es gab keinen Erwachsenen, der Trost geben konnte

  • das Kind wollte keinen zusätzliche Belastung sein, denn es spürte, dass seine Eltern bereits genug belastet sind

  • schmerzhafte Gefühle waren dem Kind einfach zu unangenehm, weil es sehr sensibel ist und daher alles viel stärker spürt

  • die Mitmenschen haben nicht auf „richtige“ Weise getröstet, nicht liebevoll oder nicht geduldig genug

  • das Kind konnte spüren oder erleben, dass Weinen nicht erwünscht war

  • Traurigkeit und Tränen wurde als Schwäche oder als Peinlichkeit gewertet

Haben wir erst einmal entschieden, nicht mehr fühlen zu wollen, dann werden wir im Laufe der Jahre immer besser darin. Die Gefühle existieren dann zwar noch, doch wir fühlen sie nicht mehr, weil wir einfach nicht mehr im Kontakt mit ihnen sind. Wir sind innerlich abgewandt, interessieren uns nicht dafür, fühlen uns für unsere Gefühlswelt nicht verantwortlich, sind genervt, eher oberflächlich, unruhig und werden süchtig danach, uns abzulenken. Es gibt jedoch immer wieder Auslöser, die unsere gut verdrängten Gefühle an die Oberfläche schnellen lassen. Völlig unerwartet fühlen wir uns dann für einen Moment ganz furchtbar, bis wir uns wieder genug von uns selbst distanziert haben. Und wenn wir gefragt werden, was wir fühlen, dann sagen wir: alles bestens, mir geht’s gut. Und genauso fühlt sich das dann auch an, denn der Zugang zum Gefühl ist einfach nicht mehr da. Viele unverarbeitete zusammengeballte Gefühlsknäule liegen dann in unserem Inneren und werden als Schwere, Leblosigkeit, Last, Orientierungslosigkeit, Mangel an Vitalität und Entscheidungsunfähigkeit oder eben als sogenannte Depression in unserem Alltag erlebt.

Um diesen Zustand ändern zu können, brauchen wir erst einmal eine Entscheidung, die sich ungefähr so anhören könnte:

Ich will wieder fühlen.

Ich bin bereit, mich meiner Gefühlswelt zu zu wenden und für sie verantwortlich zu sein.

Ich möchte mich fühlen – meine Tiefen, den alten Schmerz auch die Verletzungen und die tiefe Liebe, meine Sensibilität, Verbundenheit und die Lebendigkeit meiner Seele …

(praktische Tipps dazu siehe Artikel: Vom Umgang mit dem inneren Kind)

Traumata

Während ein Trauma entsteht – oft in nur wenigen Sekunden – wird unsere Seele fragmentiert. Der traumatisierte Teil ist dann innerhalb der Persönlichkeit nicht mehr mit den anderen Persönlichkeitsanteilen verbunden. In ihm werden Gefühle und Erinnerungen eingeschlossen und abgekapselt. Ein anderer Persönlichkeitsanteil bewacht diese Abspaltung gut und ein weiterer Anteil versucht normal weiter zu leben. So kann man sich das vereinfacht vorstellen. Das ist eine gut funktionierende und überlebenswichtige Strategie unserer Persönlichkeit. Ein Trauma kann sich in uns, ähnlich wie unterdrückte Gefühle als Depression bemerkbar machen. Vor allem, wenn mit zunehmenden Alter (40 aufwärts) die Vitalkräfte nachlassen oder noch weitere Schicksalsschläge hinzukommen, dann brauchen wir viel Kraft, die uns jedoch nicht mehr so zur Verfügung steht. Neben vielen anderen Symptomen, können Erschöpfung, Schwere, Unlust und Antriebslosigkeit uns das Leben dann schwer machen.

Mit einem Trauma sollten wir uns immer in die Hände eines erfahrenden Therapeuten begeben. Hier ist zum Beispiel eine körperbezogene Therapie sehr hilfreich. Wenn unsere Seele ihre alten Erinnerungen und Gefühle frei gibt, sollten wir damit nicht allein sein, sondern den Halt, die Liebe und die Unterstützung von Außen bekommen, die uns während der traumatisierenden Erfahrung gefehlt hat.

Transgenerative Traumata – siehe Artikel Systemische Belastungen

Über den Autor

Judith Mücke editor

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