Geht nicht – gibt’s doch! – Wenn Veränderungen nicht möglich sind

VonJudith Mücke

Geht nicht – gibt’s doch! – Wenn Veränderungen nicht möglich sind

Geht nicht gibt's doch!Wenn wir Veränderungen wollen und diese nicht gelingen, dann liegt es meist daran, dass wir einem unbewussten inneren Plan folgen und deshalb nicht mit unseren bewussten Entscheidungen mitgehen können.

Dieser innere Plan besteht aus unbewussten Mustern, die uns an vertrauten Lebensumständen, Handlungen oder Personen festhalten lassen. Nicht nur an genussvollen, nützlichen und schönen, sondern auch an solchen, die uns vielleicht schon längere Zeit nicht mehr gut tun.

Fühlen wir uns seit längerer Zeit unwohl, leiden wir, sind wir traurig, krank oder permanent verärgert, dann werden uns unsere Mitmenschen vielleicht schon mal gesagt haben: Du musst jetzt etwas ändern! Doch das ist oft gar nicht so einfach, denn wenn wir es mit unbewussten Mustern zu tun haben, dann werden diese dafür sorgen, dass die bestehenden Lebensumstände aufrecht erhalten werden. Selbst wenn wir ganz entschlossen sind Veränderungen vorzunehmen, können diese Muster eine Kraft entwickeln, die viel stärker ist, als unsere Vernunft. Denn es geht hier um unsere tiefen, schon früh angelegten Überlebensmuster, die uns Halt und Sicherheit geben und zudem für unser soziales Überleben sorgen. Sie bestimmen letztendlich, was gelebt wird und was nicht.

Die Auswirkungen solcher Muster können ganz unterschiedlich sein:

  1. Die Beziehung ist längst vorbei, sie will sich neu verlieben und trotzdem kann sie den Exmann nicht loslassen.

  2. Es ist völlig klar, dass es nicht richtig ist, sich für andere erwachsene Menschen ständig verantwortlich zu fühlen, doch immer wieder springt dieser Impuls an, sich um andere zu sorgen, sich zu kümmern und ihnen ungefragt zu helfen.

  3. Er reagiert auf das Leben immer wieder so angepasst und harmonisierend, dass er nach Außen unschlüssig und schwach wirkt.

  4. Die lieb gewordenen Angewohnheiten, zu viel zu essen, zu trinken, zu arbeiten, zu rauchen, zu zocken, zu kiffen, ständig einzukaufen oder vor dem Rechner zu sitzen, sind gesundheitsschädlich und selbstentfremdend, doch für viele Menschen lässt sich das Maß einfach nicht so leicht regulieren.

  5. Der Job quält ihn schon seit vielen Jahren, doch er kann sich keinen neuen suchen.

  6. Sie hat all die vielen schmerzhaften Symptome, weiß dass sie Ruhe braucht und doch kann sie nicht aufhören, immer beschäftigt zu sein.

  7. Die Wohnung liegt ungünstig und ist zu teuer und trotzdem kann er nicht umziehen.

  8. Der Sohn ist schon ende zwanzig, wohnt noch im Elternhaus und niemand in der Familie ist in der Lage, daran etwas zu ändern, obwohl der Schritt in die Eigenständigkeit gut für ihn wäre.

  9. Die Wohnung ist unordentlich und schmutzig. Sie kann keine Ordnung halten. Wenn sie alles aufgeräumt und schön gemacht hat, sieht die Wohnung in kürzester Zeit wieder aus wie vorher.

  10. Sie liebt ihre Kinder, will nur das Beste und doch ist sie immer wieder kalt, vorwurfsvoll und aggressiv.

  11. Er knabbert an den Nägeln, fasst sich immer wieder an die Nase und wippt ununterbrochen mit dem Bein. Nur mit viel Konzentration lassen sich diese Ticks für kurze Zeit unterdrücken.

  12. Viele schlaflose Nächte hat sie schon hinter sich. Langsam lassen die Kräfte nach. So sehr sie sich auch bemüht einzuschlafen, sie bleibt wach.

Sind unbewusste Muster aktiv, dann haben wir keine freie Wahl mehr über unsere Reaktionen, Handlungen oder über unser Erleben. Wir müssen ihnen folgen, ob wir das gut finden oder nicht. Oft wissen wir ganz genau, dass wir so nicht weiter machen wollen und sollten. Es gab schon viele Versuche, es anders zu machen, etwas zu verbessern, loszulassen, dran zu bleiben oder wegzulassen, doch Vergebens. Nur einen Moment nicht aufgepasst und schon ist alles wie gehabt …

Warum ist das so?

Unsere Persönlichkeit ist im Grunde gar nicht in der Lage, von sich aus zu entscheiden, was in ihr auftauchen soll und was nicht. Sie ist nämlich so eine Art ausführendes Instrument unserer Instinkte, Gewohnheiten, Emotionen, Gedankenberge, Erfahrungen, Impulse und Automatismen. Einfach gesagt: vorgefertigte, festgelegte und eingeübte Muster nutzen unsere bewusste Persönlichkeit dazu, um in der jetzigen anstehenden Lebenssituationen das Überleben zu sichern.

Dabei ist es für diese Muster vollkommen nebensächlich, ob die momentane Reaktion oder Handlung angemessen ist, ob sie wirklich hilfreich, gesund oder gut für alle ist. Muster können nur so sein, wie sie irgendwann einmal festgelegt wurden. Über viele Jahre wurden sie „eintrainiert“. Sie sind im Gehirn durch entsprechende Vernetzungen festgeschrieben. Wir können also nicht anders sein, als unsere Muster es vorgeben. Im Bewusstsein unserer Persönlichkeit kann daher immer nur das auftauchen, was als Muster in uns angelegt ist. Deshalb stellen wir manchmal zurecht fest: Ich kann nicht anders. Ich bin eben so.

In dem Moment, in dem Muster in uns aufsteigen, denkt unsere Persönlichkeit jedoch immer, es wär ihr eigener Einfall, ihr eigenes freies Wollen, Handeln und Erleben. Doch in Wirklichkeit ist dieses Wollen, Handeln und Erleben gar nicht neu und frei. Unsere Persönlichkeit ist nur ein ausführendes Element, das jedoch so tut und oft auch zutiefst davon überzeugt ist, dass sie einen freien Willen, freie Entscheidungen und ein unabhängiges Erleben besitzt. Der bewusste Verstand, die Vernunft und das Wollen haben aber in Wirklichkeit absolut keine Wahl, wenn die angelegten unbewussten Muster etwas bestimmtes vor haben, wenn sie in uns auftauchen, um zum Ausdruck zu kommen.

Beispiele von Mustern, die stärker sind, als der Wille und die Vernunft (passend zu den oberen Beispielen):

  1. Menschen, denen es sehr schwer fällt, einen geliebten Menschen loszulassen, haben oft Muster in sich, mit denen sie seelisch inständig festhalten, weil sie entweder frühere Verluste nicht überwunden haben oder Schuldgefühle sie binden. Meistens wurde die Bindung zu den Eltern bereits in der Kindheit durch seelisches Anklammern gesichert.

  2. Menschen, die sich für andere Menschen zwangsläufig verantwortlich fühlen, haben mit diesem Muster schon versucht, ihre Eltern zu retten, zu beschützen und zu versorgen.

  3. Automatische Anpassungsreaktionen bieten einen permanenten Schutz, wenn das prägende Elternhaus bedrohlich oder verantwortungslos war.

  4. Suchtverhalten jeder Art gibt Halt und Struktur, es hilft, seelische Belastungen zu ertragen und von der momentanen Lebenssituation abzulenken. Oft gibt es Erfahrungen tiefer Verunsicherung und Haltlosigkeit, die noch nicht verarbeitet wurden.

  5. Veränderung erfolgreich verhindern, ist ein Muster, das sich entwickelt, wenn es unverarbeitete seelische Belastungen gibt oder wenn die Person durch frühe Bindungsstörungen oder Traumatisierungen zutiefst verunsichert ist.

  6. Ständig etwas tun zu müssen, ist ein Muster, das verhindern soll, sich selbst zu fühlen. Meistens ist das, was da aus dem Gefühl aufsteigen will, einfach zu schlimm und zu groß.

  7. An einem Ort festhalten kann eine große Hilfe und Stütze sein, wenn die Bindung zur Mutter gestört ist.

  8. Wenn Veränderungen in Familien nicht möglich sind, dann liegt das oft an einem übermäßigen Festhalten untereinander. Oft finden sich Traumatisierungen durch Vertreibung und andere schlimme Erlebnisse in vorangegangenen Generationen, die nicht verarbeitet wurden.

  9. Unordnung ist das Ergebnis von intensiver Ablenkung. Sich von dem momentanen Augenblick und vom eigenen Dasein abzulenken, kann helfen, sich zu entlasten. Manchmal ist es eine Folge von zu früher zu großer Verantwortung und schlechten Grenzen. Oft sind hier aber auch Formen von Selbstbestrafung durch unverarbeitete Schuldgefühle im Spiel.

  10. Kalt oder angriffslustig zu werden sind Selbstschutzmuster, die anspringen bei Überlastung, oft durch zu hohe Selbstansprüche und starke Schuldgefühle.

  11. Nägel beißen, mit dem Bein wippen sowie andere Ticks und Zwänge sind Muster, die dem Menschen helfen, sich sicherer zu fühlen, wenn Druck entsteht durch Selbstentfremdung. Diese Entfremdung kann unterschiedlichste Ursachen haben. Verborgene familiäre Belastungen, Bindungsstörungen, verkopft sein oder Identitätsschwäche sind nur einige davon.

  12. Schlaflosigkeit (wenn sie nicht durch hormonelle Störungen oder durch Mineralmangel ausgelöst wird) ist ein seelisches Muster, mit dem der Mensch sich selbst schützend bewachen möchte, wenn die Kindheit zu unsicher und beängstigend war. Bei symbiotischen Verstrickungen tritt Schlaflosigkeit auch oft als Symptom auf oder wenn es eine Überidentifikation mit der Arbeit gibt.

Etwas loslassen, etwas verändern, sich abgewöhnen wollen oder einfach anders, freier, weiter, gelassener, abgegrenzter, liebevoller, verbindlicher oder sonst etwas zu sein, ist nicht möglich, wenn unbewusste Muster unser Dasein mitbestimmen.

Seelische Muster sind immer stärker, als die bewusste Persönlichkeit.

im nächsten Artikel mehr dazu …

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Judith Mücke editor

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