Stellvertretende Wahrnehmung

VonJudith Mücke

Stellvertretende Wahrnehmung

DSCF4079Wie schon auf meiner Website erwähnt, arbeite ich in den Einzelsitzungen mit meinen Klienten, vor allem mit der stellvertretenden Wahrnehmung. Ich werde immer mal wieder gefragt, wie das bei mir genau funktioniert und was da passiert. Deshalb möchte ich diese Arbeitsweise für Sie einmal genauer beleuchten.

Die stellvertretende bzw. repräsentative Wahrnehmung kennen viele Menschen aus dem Familienstellen. Dort wird man als ein Familienmitglied, zum Beispiel als der Vater, in den Raum gestellt, auch die Mutter und die Kinder werden dazu gestellt. All diese Menschen sind nicht die “Originale”, sondern Stellvertreter, also Menschen, die diese Familie, um die es geht, nicht einmal kennen. Während jeder Einzelne gefragt wird, wie es ihm oder ihr geht und wie sie sich in Beziehung zu den anderen fühlen, beginnen die Stellvertreter die Gefühle, Empfindungen, Muster und Gedanken, also die geistig-seelischen Identifizierungen der “Originale” auszudrücken.

Für jemanden, der dieses Phänomen das erste Mal erlebt, kann das sehr beeindruckend oder auch verwirrend sein. Denn plötzlich laufen Sachen in einem ab, die tatsächlich zu jemand anderen gehören und nicht zu einem selbst. Wenn man dann wieder aus der Rolle herausgeht, weil die Aufstellung zu Ende ist, dann fühlt man sich, im besten Falle, wieder wie vorher. Alle Menschen, die regelmäßig an Aufstellungen teilnehmen, wissen, dass das Durchlassen fremder Identifikationen, eigene Gefühle in Bewegung oder eigene Themen ins Bewusstsein bringen kann – daher die Formulierung: im besten Falle.

Dadurch, dass ich seit ca. 10 Jahren fast täglich auf diese Weise arbeite, also permanent stellvertretend wahrnehme, hat sich bei mir eine große Genauigkeit, Geschwindigkeit und Auffassungsgabe ausgebildet. Im Grunde kann dies jeder Mensch. Wenn man es übt und regelmäßig praktiziert, wird es eben immer genauer und umfassender. Bei mir ist es so, dass ich Menschen, deren Beziehungen und Lebensumstände in hoher Präzision wahrnehmen kann, was mir dazu dient, in kürzester Zeit zu erfassen, was meinen Klienten bewegt, ohne dass dieser viel erzählen muss.

Ich bekomme Informationen, fühle und sehe dann auf allen Ebenen meines Klienten, wie dieser identifiziert und geprägt ist und kann ihm oder ihr genau sagen, warum bestimmte Schwierigkeiten bestehen.

Manchmal sind es regelrechte Informationsfluten, welche auf mich einströmen, die ich dann nach und nach beschreibe. Durch diese Methode „umschiffe“ ich vor allem jegliche Form von Analyse, Interpretation und Deutung. Denn es ist lediglich eine Beschreibung dessen, was in jemandem vorgeht oder welche Reaktionsmuster jemand hat. So, wie wenn man die äußere Erscheinung eines Menschen beschreiben würde – Haarfarbe, Augenfarbe, Gesichtsform, Figur usw. – nur eben die geistig-seelische Struktur. Diese Ebene ist für mich, durch die stellvertretende Wahrnehmung, tatsächlich überschaubar und genau beschreibbar.

Nun könnte zurecht der Einwand kommen:

Woher kann man nun genau wissen, ob es „richtig“ ist, was da wahrgenommen wird?

Richtig“ ist eine Wahrnehmung, wenn meine Klienten sie bestätigen und nachvollziehen können. Wenn ich beispielsweise die geistig-seelischen Ursache einer Schlafstörung wahrnehme und spüre, dass mein Klient in jungen Jahren Gewalt erlebt hat und nun weiterhin in unbewusster Alarmbereitschaft lebt, dann kann er das nachvollziehen.

Oder jemand kann sich nicht fühlen und bei der Untersuchung der Situation stellt sich heraus, dass es eine Überflutung von Fremdgefühlen gibt und das Nicht-Fühlen einen Selbstschutz darstellt, dann ist der Klient erleichtert, weil er sieht, dass er nicht „gestört“ ist, sondern eine gesunde Schutzreaktion entwickelt hat, die nun nachvollziehbar ist.

Bei einem psychotischen Schub beispielsweise, identifiziert sich jemand mit Gefühlen, die nicht die eigenen sind, sondern aus unverarbeiteten Ereignissen der Familie stammen. Diese werden als groß und übermächtig empfunden und können das ganze Bewusstsein in Anspruch nehmen, so dass derjenige sich kaum oder gar nicht erinnern kann, was während des Schubs passiert ist. Diese Momente können viel Angst und Verunsicherung in einem Menschen auslösen. Neben der Stärkung und Identifizierung mit der eigenen Persönlichkeit, ist es einfach eine große Erleichterung zu wissen: Das, was ich da fühle gehört gar nicht zu mir, sondern (beispielsweise) zum Opa, der in Gefangenschaft gefoltert wurde. Die damals entstandenen und nicht verarbeiteten Gefühle bleiben „lebendig“ und können von späteren Generationen aufgenommen werden. (siehe Artikel: Systemische Belastungen) Dann fühle ich in alle Familienangehörigen hinein, bis klar ist, wo diese Gefühle wirklich hingehören. Danach erzählen meine Klienten meistens sehr bewegende Geschichten dazu, sie bestätigen eine besondere Verbundenheit dorthin oder bezeichnen genau diesen Teil ihrer Familie als „blinden Fleck“, der ihnen immer ein Rätsel war.

Bei Hautausschlägen habe ich schon mehrfach entdeckt, dass der Mensch versucht, sich auf einer Ebene (Innere-Kind-Ebene) abzugrenzen, auf der wir uns gar nicht abgrenzen können. Erfolgt die Abgrenzung auf der richtigen Ebene, dort, wo unsere Aggressionen sind, dann „beruhigt“ sich die betroffene Ebene und die Hautreaktionen gehen zurück.

In den vergangenen Jahren habe ich nicht nur Menschen stellvertretend wahrgenommen, sondern auch die geistig-seelische Ursache von körperlichen Symptomen, Tiere, Pflanzen, Menschen – die bereits verstorben sind, Wohnungen, Häuser, Grundstücke und Gegenstände.

Bei der Arbeit mit Schauspielern, unterstütze ich diese darin, ihre Rollen tiefer erfassen zu können, indem wir Personen und Umstände aus Theaterstücken stellvertretend wahrnehmen, was sehr spannend und unterhaltsam ist.

Tierbesitzer nutzen diese Arbeit gern, um über ihre Tiere all das in Erfahrung zu bringen, was diese nicht ausdrücken können. Ich kann ihnen sagen, wie ihr Tier gestrickt ist, was es braucht oder nicht leiden kann und ob es etwas nicht verarbeitet hat oder warum es sich vielleicht sonderbar benimmt.

Aber auch Kinder, vor allem kleine Kinder, die oft Symptome entwickeln, da sie noch nicht sagen können, was in ihnen vorgeht und was sie brauchen, nehme ich für die Eltern stellvertretend wahr, dass diese dann wissen, was sie konkret für ihr Kind tun können.

Während meiner täglichen Arbeit nutze ich diese Fähigkeiten in erster Linie, um meinen Klienten Informationen zur Verfügung zu stellen und Unbewusstes sichtbar zu machen. Schnell und auf den Punkt genau, werden komplexe Lebensumstände oder geistig-seelische Verfassungen greifbar gemacht und dann entwickeln wir gemeinsam einen Plan, wie etwas verändert werden kann. In der Regel geht es immer darum, sich den eigenen Identifizierungen bewusst zu zu wenden und dann mehr und mehr zu sich selbst zu werden, was dazu führt, das wir alles erreichen und sein können, wonach wir uns sehnen.

Alles und jeder Zustand in dieser Welt ist ein Teil eines unendlich komplexen Informationsfeldes, mit dem wir uns verbinden können. In diesem Informationsfeld sind alle Daten gespeichert, mit denen ein Mensch, ein Tier oder ein Gegenstand in „Berührung“ kam, was er, sie oder es erlebt und durchgemacht hat. Manche Informationen sind stärker, andere schwächer. Wir können aus diesem Feld alle Informationen durch die stellvertretende Wahrnehmung abrufen.

Doch wie funktioniert das?

Mich hat schon immer interessiert, wie es sein kann, dass ich zu dem „Innenleben“ einer anderen Person werden kann, ohne diese Person zu kennen, sogar ohne, dass sie anwesend ist. In der Psychologie gibt es den Begriff der Übertragung, doch er beschreibt einen anderen inneren Vorgang, nicht das, was ich bei der stellvertretenden Wahrnehmung erlebe.

Bei meinen Recherchen bin ich in wissenschaftlichen Bereichen gelandet, mit denen ich mich nicht freiwillig beschäftigt hätte: z.B. in der Quantenphysik. Und ich muss auch zugeben, dass ich bis heute kein wirklich tiefes wissenschaftliches Verständnis für diese metaphysischen Vorgänge entwickelt habe, sondern nur eine mögliche Erklärung beschreiben will, um greifbarer machen zu können, was ich in meinem Arbeitsalltag erlebe.

Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie die stellvertretende Wahrnehmung vielleicht vonstatten gehen könnte, ist es erst einmal hilfreich zu wissen, dass unser Körper sich auf einer Ebene befindet, auf der Zeit und Raum existieren. Und dass unsere Gedanken und Gefühle dort zu hause sind, wo es Raum und Zeit nicht gibt. Das bedeutet, dass Gedanken und Gefühle – sich immer und überall aufhalten. Das kann sich unser Verstand zwar nicht wirklich vorstellen, aber wir könnten das mal als Idee so stehen lassen.

In der Quantenphysik gibt es für diese Ebene die Begriffe Nullpunkt- oder Quantenfeld. Hinter diesem Begriff verbirgt sich eine sehr interessante Entdeckung, die von unterschiedlichen Forschern und Wissenschaftlern in der ganzen Welt gemacht wurde. Darunter waren Physiker, Neurowissenschaftler, Biologen und Bewusstseinsforscher. Sie kamen unabhängig voneinander zu dem Ergebnis: Eine getrennte Wirklichkeit zwischen den Dingen gibt es nicht.

Alles im Universum ist miteinander verbunden. Wenn der Raum frei von Materie sind, ist er jedoch niemals frei von Energie. Der leere Raum ist voll mit Energie, die das Universum wie ein Netz durchzieht. Dieses Energienetz besteht aus Elementarteilchen, die sich unaufhörlich bewegen und miteinander im ständigen Informationstransfer stehen. Alle Quantenobjekte – das sind Elektronen, Photonen, Neutronen, Protonen, Elementarteilchen -, die jemals Masse oder Energiekontakt miteinander hatten, sind zudem noch quantenverschränkt. Das heisst, sie sind energetisch und informativ miteinander verbunden. Alles, was jemals Masse- oder Energiekontakt hatte, ist und bleibt für ewig miteinander vereinigt.

Wir befinden uns also in einem Ozean aus Energiefeldern und bestehen selber ebenfalls daraus. So wie ein Tropfen im Meer, sind wir immer und überall mit allem verbunden. Alles, was je gedacht wurde und existiert hat, kann als Information aus diesem Feld abgerufen werden. Gleichzeitig speisen wir durch unsere Gedanken, Gefühle und Erlebnisse permanent Informationen in dieses Feld ein.

Während der repräsentativen Wahrnehmung öffnen wir uns im Grunde für Informationsmuster, die zu einer anderen Person, zu einem Ereignis, zu einem Tier oder zu einem Gegenstand gehören. Durch die innere Konzentration auf etwas ganz bestimmtes, verbinde ich mich mit all den Informationen, aus dem es besteht und grenze es gleichzeitig ein und alles andere davon ab.

Wir sind also keine Informationsempfänger, sondern ziehen diese aus dem unendlichen Informationsmeer durch Fokussierung an und können die Informationen dann zum Ausdruck bringen. Meine Erfahrung dabei ist, dass ich immer stärker und intensiver zu etwas werde, je mehr ich es zum Ausdruck bringe. Ich ziehe also an dem Zipfel eines großen Informationstuches, bis ich es ganz in der Hand halte.

So könnte man sagen: Die stellvertretende Wahrnehmung ist die menschliche Fähigkeit, mit geistig-seelischen Zuständen, die unabhängig von Raum und Zeit und nicht die eigenen sind, vorübergehend eins zu werden. (Normalerweise sind wir eins mit unseren eigenen persönlichen inneren Zuständen.)

Im Laufe der Jahre habe ich durch das ständige Beschreiben unzähliger „unsichtbarer Welten“ unglaublich viel erfahren und gelernt. Meine Art ist es, mich mit freudiger Offenheit durch die Schicksale meiner Klienten zu bewegen, was ihnen viel Klarheit und Anschaulichkeit bringt. Der kreativere Teil meiner Arbeit besteht darin, nachvollziehbare, leicht umsetzbare und bodenständige Wege aufzuzeigen, die meine Klienten ausprobieren können. Auch diese Wege nehme ich stellvertretend wahr, denn im oben beschriebenen Feld existieren auch all unsere Potentiale und Möglichkeiten, zu denen wir uns innerlich hinbewegen  können.

Über den Autor

Judith Mücke editor

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