Schuldgefühle – die treibende Kraft ins Unglück

VonJudith Mücke

Schuldgefühle – die treibende Kraft ins Unglück

DSCF4051Schuldgefühle sind sehr verbreitet, fühlen sich äußerst unangenehm an, machen unklar, inkonsequent und aggressiv.

In meiner Arbeit konnte ich beobachten, dass Schuldgefühle immer dann entstehen, wenn unsere Persönlichkeit den sogenannten „grünen Bereich“ der Seele verlässt:

  • wenn wir die Liebe zu uns selbst und zu unseren Mitmenschen verloren haben,

  • wenn wir uns vom Leben abwenden,

  • wenn wir etwas (nach unserem persönlichen Wertesystem) negatives und falsches tun und uns dafür abwerten,

  • wenn wir uns von etwas, was wir lieben, absichtlich abgeschnitten haben,

dann fühlen wir uns: verkehrt, ungenügend, elend, bedrückt oder einfach falsch und schlecht.

Der „grüne Bereich“ der Seele ist: Einheit, Vollkommenheit, Harmonie, Liebe, Kreativität, Wohlwollen, Freude und Wahrheit.

Da wir uns natürlich nicht ständig im „grünen Bereich“ aufhalten, also nicht unentwegt in liebender Annahme und in wertfreier Verbundenheit mit alledem sind, was in uns und um uns herum geschieht, ist ein gewisses Level an Schuldgefühlen, mit denen wir zu ringen haben, mehr oder weniger normal.

Vor allem Eltern leiden chronisch darunter, da sie ihre Kinder zutiefst lieben und natürlich nicht frei von Fehlern sind, aber auch Kinder aus Familien, in denen schwere Schicksale nicht verarbeitet wurden. Hier ist es meist unmöglich, die Liebe, welche eine Familie verbindet, lebendig zu leben, was für unsere Schuldgefühle der beste Nährboden ist. Wenn nun noch beide Komponenten zusammen kommen, können sich Schuldgefühlen besonders gut ausbreiten.

Es liegt in unserer menschlichen Natur, zu bewerten, zu verurteilen, anzugreifen, uns zu trennen, abzuwenden und zu wehren. Wenn wir dann Schuldgefühle bekommen, uns schlecht, bedrückt und mies fühlen, dann wollen uns diese Gefühle eigentlich nur sagen:

Achtung, Achtung! Hier wurde gerade der grüne Bereich, also die für deine Seele ordnungsgemäße Zone, verlassen! Achtung, Achtung aufpassen!“

Wir Menschen neigen ständig dazu, die „ordnungsgemäße Zone“ der Seele zu verlassen. Was übrigens kein Fehler ist, sondern eher als eine Spielart oder eine Art Farbe des menschlichen Daseins betrachtet werden kann und absolut in Ordnung ist. So, als würden wir in eine tiefe Schlammpfütze treten. Es ist eine Erfahrung. Wir müssen ja nicht darin stehen bleiben, sondern können den Fuß wieder heraus ziehen.

In Bezug auf das Sich-schuldig-fühlen scheinen wir Menschen jedoch gern auch noch den zweiten Fuß dazu zu stellen, dann Ausschau danach zu halten, wer den Schlamm dahin gemacht hat, um dann noch tiefer im Schlamm zu versinken und zu leiden.

Anstatt etwas zu lernen, anders zu machen, gut mit sich zu sein und fröhlich weiter zu machen, werden wir hart, gnadenlos und stecken beleidigt im Leben fest.

Schuldgefühle sind Warnschilder, die sagen: „Moment mal, hier stimmt was nicht!“

Sobald wir Schuldgefühle haben, versuchen wir instinktiv und blitzschnell, anderen die Schuld zu zu schieben bzw. suchen nach der Schuld oder dem Schuldigen außerhalb von uns, um uns von der Bürde all unserer Schuld zu befreien.

Menschen, die sich schnell schuldig fühlen, kennen ausgeprägte Schuldgefühle schon seit ihrer Kindheit. Sie konnten immer spüren, dass in der Familie etwas nicht stimmt und haben sich irgendwann selbst die Schuld dafür gegeben. Kinder sind jedoch immer unschuldig. Sie kommen mit einem gesunden Liebesfluss in ihre Familien und stoßen dort dann auf Grenzen und Blockaden. Da sich kleine Kinder nicht getrennt von ihren Eltern wahrnehmen, weil sie noch keine abgegrenzte Persönlichkeit haben, erleben sie die vorgegebenen Grenzen als das Eigene: selber Schuld! Oder als die eigene Blockade, die sie jahzehnte lang versuchen zu lösen, obwohl das nicht geht.

Wie eine Liebes-Welle, die unaufhörlich an einen Felsen brandet, um sich mit ihm zu verbinden. Oder sie umhüllt und umspühlt ihn, wie das in einer Symbiose der Fall ist, doch der Felsen bleibt ein Felsen. (Felsen=Trauma aus der Familie)

Wenn wir nicht gelernt haben, konstruktiv mit Schuld umzugehen, dann verzweifeln wir an ihr und beginnen, meist unbewusst, uns zu bestrafen und Buße zu tun, indem wir uns schlecht behandeln, scheitern und uns selbst aufgeben. Dies stellt immer den Versuch dar, ein „negatives“ Geschehen wieder gut zu machen. Für unsere Seele bedeutet dies intensives Leid. Für unsere Persönlichkeit fühlt sich das aber „richtig“ an.

(Selbst-) Bestrafung kann jedoch nur als vorübergehende Entlastung empfunden werden, da sich Schuldgefühle hier schnell wieder breit machen. In Wirklichkeit sinken wir durch Strafe immer tiefer und tiefer in einen leblosen und beladenen inneren Zustand. Wiedergutmachung ist eher etwas, das solche Situationen umwandeln kann. Nach dem Motto: Was kann ich Gutes tun, dass sich beteiligte Personen und ich mich wieder besser fühlen?

Buße, Leid und Angriffsbereitschaft sind sichere Wege, um unsere Schuldgefühle zu vermehren und zu vergrößern, anstatt sie aufzulösen. Es ist so, als würden wir die Warnschilder umfahren oder drumherum laufen, um direkt in einen tiefen Abgrund zu sausen oder im Dreck einer großen Baustelle zu landen.

Die beste Art, sich von Schuldgefühlen zu befreien, ist die, sich wieder in den Bereich der Liebe, der Verbundenheit und der Wahrheit dessen, was jetzt ist, zu begeben. Im liebenden Kontakt mit uns selbst und mit unseren Mitmenschen schmelzen Schuldgefühle, wie Schnee in der Sonne. Fehler, Ausrutscher und alle Unvollkommenheiten der Welt gehören dann einfach zu unserem Leben dazu und wir benutzen sie nicht mehr, um es uns noch schwerer zu machen, als es ohnehin schon ist, sondern um zu lernen, zu wachsen und zu reifen.

Fühlen wir uns schuldig, dann können wir zu uns selbst sagen:

Es tut mir leid, dass ich so oder so mit mir/dir war, dass ich mich/dich in diese oder jene Situation gebracht habe oder auch irgendetwas unterlassen habe. Es tut mir leid, dass ich nichts tun konnte oder nicht da war. Es tut mir leid, dass ich mich/dich nicht so nehmen kann, wie ich bin/du bist. Es tut mir leid, dass ich nicht für dich da war oder mich im Ton vergriffen habe oder mich/dich nicht beschützen konnte oder mich/dich verletzt habe …“ Das befreit.

Denn durch ehrliches Bedauern, Mitgefühl und Annahme dessen, was war und ist, lösen sich Schuldgefühle in Liebe auf. Dann wird meistens die Traurigkeit spürbar, die entstanden ist und manchmal auch Wut, die durch Selbstangriffe hervorgerufen wird.

 

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Judith Mücke administrator

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