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VonJudith Mücke

Sei du selbst

Mir begegnen immer mehr Menschen, die ganz zu sich selbst werden wollen. Zu sich selbst zu werden, empfinden sie als Teil ihrer Bestimmung, als Sinn ihres Lebens und als tiefste Erfüllung.

Für all jene, deren inneres Wesen ganz in diese Welt möchte, ist dieser Artikel.

Wenn wir nicht wir selbst sind

Wir Menschen können nicht ganz wir selbst sein, wenn wir alten Mustern folgen, wenn wir Rollen spielen, tief sitzenden Prägungen, Erwartungen, Überlebensstrategien und schlechten Angewohnheiten folgen. Wir können nicht wir selbst sein, wenn wir uns nicht für uns interessieren und belastet sind. Aber auch nicht, wenn wir das Selbst zu unserem Ziel machen, das wir erreichen wollen, um dann ein besseres Leben zu bekommen.

All deine Symptome und Lebenskrisen sind nur dafür da, dass du ganz zu die selbst werden kannst.

Wir erleben und spüren, dass wir nicht wir selbst sind, wenn wir uns eng, unglücklich, getrieben, krank, müde, erfolglos, unsicher, ungeerdet, unverbunden, lieblos, schwer, unfreundlich, aufgesetzt, depressiv oder gestresst fühlen. Aber auch wenn das Leben sich zunehmend verschlechtert, sich nichts mehr ändert und entwickelt, wenn wir in einer Sackgasse stecken und nicht weiter kommen.

Du und dein Selbst

Dein Selbst braucht dich nicht. Es existiert auch ohne dich. Du aber brauchst dein Selbst, um existieren, dich glücklich entfalten und erfolgreich sein zu können.

Du existierst in deinem Selbst, tust aber meistens so, als wäre das Selbst ein Teil von dir.

In Wirklichkeit bist du das Selbst und erlebst dich in ihm als Ausdruck. Als Ausdruck erlebst du dich in einem vergänglichen Leben. Da du das Selbst bist und nicht der Ausdruck, bist du aber nicht das, was vorübergeht, sondern erlebst dich in dem, was vorüber geht. Normalerweise glaubst und erlebst du jedoch, dass du nur der Ausdruck bist und nicht das Selbst.

Du erlebst dich mehr im Tun, als im Sein.

Im Ausdruck deiner selbst, erlebst du dich weitestgehend getrennt von deinem Selbst, getrennt von anderen Persönlichkeiten, getrennt von vielen Aspekten deiner eigenen Persönlichkeit und getrennt von dem momentanen Augenblick. Das Selbst ist immer präsent, mit allem verbunden und beständig. Der Ausdruck des Selbstes vergeht.

Du wendest sehr viel Lebensenergie dafür auf, immer etwas zu tun und beschäftigt zu sein, weil es dir Angst macht, ganz zu dir zu kommen und darin zu vergehen.

Was du auch immer in diesem Moment erlebst, wofür du dich auch hältst, wie krank du bist, wie abgetrennt du dich fühlst, mit welchen Problemen du dich herum schlagen musst und wie endlos dies alles erscheinen mag, es ist vorübergehend. Es ist ein Ausdruck, den du in dir aufrecht erhältst. Dieser kann dich zwar lange davon abhalten, ganz du selbst zu sein, doch das Selbst, das du bist, wird nicht gemindert und nimmt keinen Schaden dadurch.

Selbstfürsorge

Das Selbst braucht deine Fürsorge nicht. Es ist die Fürsorge.

Wenn du eines Tages beginnst, selbstfürsorglicher mit dir zu sein, dann steht hinter deiner Fürsorge meist ein Ziel, welches dir Antrieb und die Möglichkeit gibt, mehr Fürsorglichkeit zu entwickeln. Vielleicht willst du glücklicher sein, willst, dass es dir besser geht oder dass Symptome verschwinden. Hast du es gelernt, anhaltend fürsorglich mit dir zu sein, dann wird es dir besser gehen. Du wirst auch glücklicher sein, jedoch nicht, weil du nach dir schaust und dir etwas Gutes tust, sondern weil du durch deine Fürsorge mehr zu dir selbst geworden bist. Da es dir nun besser geht, wirst du wieder aufhören, fürsorglich zu sein. Dir wird es dann nicht schlechter gehen, weil du dich nicht mehr beachtest und dir nichts Gutes mehr tust, sondern weil du nun wieder weniger du selbst bist.

Selbstliebe

Das Selbst braucht deine Liebe nicht. Es ist die Liebe.

Wenn du eines Tages beginnst, liebevoller mit dir zu sein, dann tust du dies, weil du etwas damit bezwecken möchtest. Wir Menschen lieben uns nicht einfach so. Wir wollen uns wohler fühlen, weniger ängstlich oder einsam sein. Inneres Leid, Opferdasein, emotionale Vernachlässigung oder ein schlechtes Lebensgefühl können durch Selbstliebe heilen. Das kann eine gute Motivationen sein, sich selber mehr zu lieben. Mit der Zeit wandeln sich deine negativen Gefühlszustände, aber nicht weil du dich nun liebst, sondern weil du mehr zu dir selbst geworden bist. Du fühlst dich innerlich weiter, getragener, friedlich und ausgeglichener. Dein Wesen bekommt Raum in dir.

Selbstwertschätzung

Dein Selbst braucht deine Wertschätzung nicht. Es ist wertschätzend.

Wenn du eines Tages beginnst, dich selber wertschätzend zu betrachten und zu behandeln, dann hast du wahrscheinlich die Nase voll davon, darauf zu warten, dass genug Anerkennung von außen kommt, die dir hilft, dich richtig zu fühlen. Lange hast du gehofft, viel gearbeitet, dich angepasst und die Erwartungen anderer erfüllt und bist trotzdem leer ausgegangen. Du hast versucht, alles richtig zu machen, und doch war es nicht genug. Deine Enttäuschung ist eine gute Triebfeder, zu lernen, dich selbst wertschätzend zu behandeln, egal wie du dich fühlst und was du geleistet hast. Dann darfst du jeder Zeit offen und gut abgegrenzt sein, was deinem Wesen den nötigen Schutz gibt. Wenn du das kannst, wirst du dich nicht wertvoller fühlen, weil du nun endlich zu dir stehst, sondern weil du wieder mehr zu dir selbst geworden bist. Zuversicht und Wertschätzung werden noch viel größer in dir, wenn du sie ganz authentisch weiter gibst.

Selbstverwirklichung

Dein Selbst braucht es nicht, von dir verwirklicht zu werden. Es ist bereits verwirklicht.

In jedem Atemzug, in jeder Regung, jeder Aktion, auch im stillsten regungslosesten Moment findet Verwirklichung deines Selbstes statt. Wenn du denkst, du müsstest auf eine bestimmte Art und Weise sein oder wirken, dann benutzt du deine Lebensenergie, um deine Vorstellungen und Pläne durchzusetzen. Du wirst dich mühen, Zeit und Geld investieren und am Ende wird nichts dabei heraus kommen, was dich erfolgreicher werden lässt, nichts, was die Mühe wert gewesen wäre. Deine Rückschläge können eine gute Motivation sein, zu lernen, was stimmig und angemessen ist und was nicht. Dein Selbst ist bereits verwirklicht. Du kannst aufhören, Pläne zu schmieden, Ziele zu verfolgen und auf diese Weise deinem Selbst im Wege zu stehen. Alles, was wichtig ist, ist jetzt da. Willst du dein ganzes Potential entfalten, dann spüre jetzt die Stimmigkeit und Angemessenheit deiner Gedanken, Worte und Handlungen und orientiere dich daran bei all deinen Entscheidungen. Wenn du das kannst, entfalten sich dein Wesen, dein Glück und dein Erfolg, ohne dein Zutun, ganz von allein.

Selbstannahme

Dein Selbst braucht es nicht, dass du es annimmst. Es ist die Annahme.

Dein Selbst ist da und liebt dich bedingungslos. Pausenlos nimmt es dich, so, wie du bist, in seine großen warmen liebenden Arme. Während du noch darauf bestehst, dass dich keiner richtig liebt, du nicht gesehen und anerkannt wirst, umgibt und durchdringt es dich mit seiner Liebe. Du fühlst dich klein, ungenügend, unbedeutend, nicht reif genug oder einsam, weshalb du dich innerlich versteckst und nach außen so tust, als wäre alles in bester Ordnung. Je schlechter du dich fühlst, desto mehr kritisierst du dich und andere Menschen oder du stellst sie auf einen Sockel, um sie dann anhimmeln zu können. Währenddessen hast du jedoch an dir und an anderen Menschen kein wirkliches Interesse. Hast du es mit der Zeit gelernt, dich mehr und mehr anzunehmen, dann ist es nicht die Selbstannahme, die dir das tiefe Gefühl gibt, vollkommen in Ordnung zu sein, sondern es ist der natürliche Zustand deines Wesens, das du zunehmend zu spüren beginnst.

Selbstintegration

Dein Selbst muss nicht von dir integriert werden. Es ist vollkommen.

Du existierst in deinem Selbst. Es ist einfach falsch zu glauben, du müsstest es integrieren. Um dein Selbst voll und ganz leben zu können, dehne dich einfach aus, werde immer mehr zu dir selbst, bis das Selbst dich komplett ausfüllt, trägt und schützt. Du kannst deine Energie erhöhen, bis es keinen Unterschied mehr gibt zwischen dir und deinem Selbst, bis du in ihm aufgegangen bist. Kein Eigenwille mehr, keine Kompromisse, kein Deal mehr mit dem Leben. Dann realisierst du, dass du anhaltende Fürsorge bist, verantwortlich für alles, was gerade ist. Du wirst nicht anders können, als das, was ist, zu lieben und es als Lernfeld wert zu schätzen. Dann bist du dankbar und glücklich und es wird ganz normal sein, dich auf natürliche Weise zu entfalten, nicht, weil du dich erfolgreich integriert hast, sondern weil du dich getraut hast, ganz du selbst zu sein.

Egal, was du nun tust, du bist ganz eins mit allem. Dein Tun, dein Ausdruck, geschehen nun im Einklang mit deinem Sein, nicht mehr getrennt davon.

VonAndreas Fiedler

Empathie, Einfühlungsvermögen (Inneres Selbst)

Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften,
Journal of Cognitive Enhancement

Empathie, Einfühlungsvermögen (Inneres Selbst), 22.05.2017

Psychologie-Lexikon – Kognitive Psychologie

Die Fähigkeit zur Empathie kann verbessert werden, indem wir unser inneres Selbst besser kennenlernen

22.05.2017 Eine im Fachmagazin Journal of Cognitive Enhancement veröffentlichte Studie zeigt: Wenn wir lernen, innerlich achtsamer gegenüber unseren mentalen Zuständen / Verfassungen (wie z.B. dem ‚inneren Manager‘ oder dem ‚inneren Kind‘) zu sein, dann entwickeln wir auch ein besseres Verständnis für die Psyche anderer Menschen, vergrößern unsere soziale Intelligenz und Empathie.

Perspektivenübernahme

Während drei Monaten erlernten 161 erwachsene Teilnehmer im Alter von 20 bis 55 Jahren in zwei Gruppen, wie sie ihre Fähigkeit zur Perspektivenübernahme durch eine Reihe von Methoden entwickeln können.

Das Training basierte auf dem Ansatz des internen Familiensystems, das das Selbst als aus verschiedenen komplexen inneren Teilen bzw. Subpersönlichkeiten zusammengesetzt sieht, jedes mit seinem eigenen definierten Satz von Verhaltensweisen, Gedanken und Emotionen (das sogenannte interne Team).

Internes Familiensystem


Bild: Gerd Altmann

In diesem Ansatz kann jeder innere Part als mit einer gesunden und produktiven Rolle oder einer extremen Rolle identifiziert werden, aber jedes Teammitglied wird bestätigt und als wichtig erkannt.

Während der Studie wurden die Teilnehmer gelehrt, ihre eigenen Subpersönlichkeiten zu identifizieren und zu benennen, sowie die von anderen.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Teilnehmer nach dem Training prototypische innere Familienmitglieder wie „den inneren Manager“ oder „das innere Kind“ in ihren eigenen Persönlichkeiten leicht identifizieren können.

Soziale Intelligenz

Das Ausmaß, in dem die Teilnehmer ihr Verständnis über sich selbst verbesserten – widerspiegelnd in der Anzahl der verschiedenen inneren Teammitglieder, die sie identifizieren konnten – hing direkt damit zusammen, wie gut sie sich hinsichtlich ihrer eigenen Flexibilität und ihrer Fähigkeit verbesserten, die Psyche – die mentale Verfassung – von anderen genau zu erschließen und zu verstehen.

Je negativer die inneren Stimmen waren, die sie in sich identifizieren konnten, desto besser war ihr Bewusstsein und das Verständnis für die negative psychische Verfassung von anderen Menschen, schreiben die Forscher vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften und der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

Es gibt eine enge Verbindung zwischen dem besseren Verständnis seiner selbst und der Verbesserung der sozialen Intelligenz, sagte Studienautorin Dr. Anne Böckler, wobei diese Erkenntnis wichtige Implikationen für therapeutische und nicht-klinische Anwendungen haben könnte.

© PSYLEX.de – Quellenangabe: Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Journal of Cognitive Enhancement – DOI: 10.1007/s41465-017-0023-6; Mai 2017

VonAndreas Fiedler

Das ABC der Selbstintegration und Selbstverwirklichung

Ablenkung

Digital Detox, Reizüberflutung, Informationsoverkill, geistige Vermüllung … das sind die Schlagwörter mit denen wir spätestens mit Beginn der Massendigitalisierung konfrontiert sind. Konzentration, Fokussierung, Ruhe und Kontemplation sind wie der schwarze Alpensalamander zu bedrohten Arten in unserem Tagesablauf geworden.
Die Auslöser der Ablenkung können dabei vielfältig sein: äußerliche Faktoren wie persönliche Nachrichten per Smartphone oder PC oder auch innere Störsignale wie wiederkehrende Melodien („Ohrwürmer“) oder spontane Impulse („mal sehen, was es Neues gibt in der Welt, auf Spiegel Online …“, „ich muss noch Spülmittel kaufen“).
Wir sind nicht mit der Aufmerksamkeit nicht anwesend, schweifen ab, lenken ab, sind zerstreut.
Wir sind aufmerksam und präsent, konzentrieren uns auf das was da ist, was zu tun ist, die Energie ist ausgerichtet, wie ein Laserstrahl.
Das sind die beiden Pole, zwischen denen wir hin und her wechseln. Da für zahlen wir einen Preis: das Erleben ist weniger intensiv, bei der Arbeit sind wir wenig produktiv, ein permanentes Gefühl des Kontrollverlustes und der Schuld wabert im Untergrund.

Achtsamkeit

Aggressivität

„Auf etwas zugehen“, so die ursprüngliche, lateinisch Bedeutung des Wortes (aggressiō). „Grenzüberschreitend“, könnte man ergänzen. Wenig Seinsqualitäten sind so mit Energie aufgeladen wie Aggressivität. Ich denke unwillkürlich an tickende Zeitbomben, an Gewalt und Zerstörung. Eine kriegerische Energie, die plattmacht, was sich ihr in den Weg stellt. „Sei nicht so aggressiv.“ So wird es uns beigebracht, „sei friedlich“, so die sinnvolle ethische Verhaltensnorm. Die Geschichte von Krieg und Zerstörung durch „Aggressoren“ hat dazu geführt, dass diese rohe Energie in uns gesellschaftlich keinen guten Ruf hat. Wir haben uns gezähmt, um weiterhin dazuzugehören. Und grenzen diejenigen aus, die ihre Aggressivität ungezügelt ausleben. Ist ja durchaus sinnvoll, destruktive Impulse zu unterdrücken und aggressives Verhalten zu sanktionieren, wenn es andere verletzt. Nur sind wir an manchen Stellen etwas zu weit gegangen bzw. unterscheiden wir nicht genau genug zwischen integrierter (gesunder) und desintegrierter (destruktiver) Aggression. Aus der Männerarbeit weiß ich z.B., dass viele ihre verlorengegangene archaische Kraft vermissen und versuchen diese wieder zu erlangen. Den inneren Krieger zu erwecken. Da wird gebrüllt, auf Kissen eingeschlagen und sich im Schlamm gewälzt um am Ende freudig erzählen zu können, wie gut sich das angefühlt hat, beim Wochenendworkshop richtig die Sau rausgelassen zu haben. Und dann geht diese gesunde Aggression, die pure Lebensenergie, im Alltag wieder in den Untergrund. So passiert es, dass wir passiv aggressiv werden, unsere Pfeile subtil, rhetorisch gegen andere abschießen, oder aggressiv, zerstörerisch gegen uns selbst handeln: durch eine ungesunde Lebensweise, durch Selbstverurteilung und andere Sabotageprogramme. What the fuck!

Erkunden: Wie kann ich eine gesunde Form der Aggression entwickeln und subtile destruktive Verhaltensmuster erkennen auflösen?
Reflektiere dein Verhalten in Konfliktsituationen: Bist du schnell auf 180, ist da etwas in dir aufgestaut, was ein Ventil sucht und sich dann bei banalen Anlässen Bahn bricht? Oder weichst du der Auseinandersetzung aus, ziehst du dich beleidigt zurück und schießt dann ständig Pfeile aus der Deckung ab? Das zu erkennen ist der erste Schritt. Das zu ändern braucht eine Lösung von Verletzungen und Schutzreaktionen, die sich im Laufe des Lebens aufgebaut haben.
Dafür gibt es eine Vielzahl integrativer Prozesse, z.B. Traumaarbeit (siehe TRE) oder Selbstintegration: Hier nimmst du Kontakt auf mit deinem inneren Krieger, siehst wo er abgespalten ist oder auch dominiert und beginnst einen Dialog mit ihm, der ihn integriert.

Aktivität – Passivität

„Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ Aber einer muss den Rasen mähen.

Aktivität wird in unserer westlichen Kultur grundsätzlich positiv gesehen, sie steht für Vitalität und Tatkraft. „Sie ist ein sehr aktiver Mensch“, „er ist ein Macher.“ Preußisch-protestantische Tugenden wie Fleiß und Schaffenskraft stehen hoch im Kurs. Aktiv sein heißt etwas bewegen, gestalten, Ergebnisse produzieren. Die Voraussetzung für Erfolg. Dabei wird manchmal übersehen, dass Aktivität nur eine Seite der Medaille ist, die Wachstum und Entwicklung fördert. Die andere Seite ist Passivität – was allerdings ein eher negativ besetzter Begriff ist. Es gibt jedoch immer Phasen, in denen es angesagt ist, Dinge entstehen zu lassen, wachsen zu lassen oder Menschen und Gelegenheiten kommen zu lassen. Was für eine naturnahe Landwirtschaft selbstverständlich ist, gilt für das persönliche Leben und das geschäftliche gleichermaßen. Wer schon mal gestalkt wurde oder einen Burnout erlebte, hat eine sehr dunkle Seite der Aktivität kennengelernt. Die dunkle Seite der Passivität kennen diejenigen von uns, die Nächte „last minute“ durchgearbeitet haben, um eine Deadline zu erfüllen, eine Situation, die durch Aufschieberitis hervorgerufen wird.
Nicht zu viel und nicht zu wenig Aktivität, das ist die Kunst, von der das taoistische Wu Wei Prinzip erzählt – Tun durch Nicht-tun. Das bedeutet nun nicht, dass man nichts tut, sondern dass die Handlungen eher aus dem Moment und in Einklang mit der Umwelt entstehen. Es geht um die „Enthaltung eines gegen die Natur gerichteten Handelns“. Dadurch soll das Notwendige leicht und mühelos erledigt und blinder Aktionismus vermieden werden. „Es ist ein Zustand der inneren Stille, der zur richtigen Zeit die richtige Handlung ohne Anstrengung des Willens hervortreten lässt“ (Wikipedia „Wu Wei“). Denn Boden bereiten, dann das Gras zur rechten Zeit säen und wachsen lassen.
Erkunden: Wie finde ich das richtige Maß, die Balance zwischen Aktivität und Passivität?
1. Wie so oft ist der Schlüssel die gesteigerte Aufmerksamkeit und Achtsamkeit im Moment. Was steht jetzt gerade an? Was erfordert die Situation? Kann ich auGf das Entstehende vertrauen, will ich gestalten oder muss ich kontrollieren? Das will geübt werden, zum Beispiel in MBSR-Trainings (Mindfullness Based Stress Reduction).
2. Vertiefte Wahrnehmung auf folgenden Feld-Elementen: Du (Name), Ziel/ Aufgabe, Was-jetzt-zu-tun-ist

Anerkennung

„I am the greatest“, das stand auf meinem Lieblings-T-Shirt, das ich im Alter 12 Jahren trug- solange bis es zerschlissen war. Erkannt werden in unserer Größe und Fähigkeit, das war für den Heranwachsenden wichtig und ist für jeden Menschen ein mehr oder weniger eminentes Grundbedürfnis. Warum ist das so? Als Menschen sind wir soziale Wesen und existenziell auf die Resonanz anderer Menschen angewiesen. Wir werden erst zu Persönlichkeiten, indem wir uns in anderen gespiegelt finden. Wir erschaffen eine individuelle Identität, unterschieden von anderen, in dem wir uns durch das definieren, was andere über uns gesagt haben, durch die Kultur, die gesellschaftlichen Normen, in die wir hineingeboren sind. Ob positiv oder negativ. Ohne Anerkennung sind wir nicht Mensch, vielleicht ein Kaspar Hauser, der mit minimaler Anerkennung aufgewachsen ist.
Bin ich gut genug? Gehöre ich dazu? Habe ich es richtig gemacht? Das sind die Fragen, die uns alle (unbewusst) laufend beschäftigen. Die Anerkennung durch andere beruhigt uns für einen Moment, gibt uns Bestätigung, dass wir „ok“ sind. „Christiane gefällt dein Beitrag“ (facebook). Wieviel „likes“ habe ich heute bekommen? Wenn Anerkennung längere Zeit ausbleibt, werden wir unruhig, werden die Fragen lauter und wir fangen an, nach Anerkennung zu suchen, fast wie ein Junkie auf Entzug. Und wenn wir sie dann endlich bekommen, dann brauchen wir auch noch Beweise, dass es wirklich ehrlich gemeint ist und nicht nur so daher gesagt. Daran merken wir schon, wie abhängig wir von dem Stoff sind. Und je mehr wir ihm nachjagen, umso mehr entfernt er sich. Umso mehr sind wir davon überzeugt, dass wir nicht gut genug sind.
Erkunden:
Woran merkst du, wie bedürftig du bist in Bezug auf Anerkennung?

Überprüfe deine Glaubenssätze in Bezug auf dich selbst. „Ich bin nicht …“ (gut genug, liebenswert, wichtig …). Fütterst du diesen Satz, indem du nach Anerkennung suchst?

Ich bin. Das kann ein Satz sein, der dir erlaubt, die Suche nach Anerkennung zu beenden.
Der Kontakt zu deinem Selbst öffnet dir den Blick dafür, dass du „ok“ bist, einzigartig und absolut anerkennswert. Ein Ergebnis der Selbst-Integration ist, dass die Suche nach Anerkennung aufhört und du beginnst, andere Menschen anzuerkennen. Weil du dich selbst erkannt hast. Amen. J

Aufschieberitis (Prokrastination)

Beruf, Berufung

Burnout (Judith)

Business

Charisma

Entrepreneurship

Entscheidungen

Erfolg

Erfüllung

Expertise

Gut dastehen

Finanzen (Geld)

Führung

Heldenreise (Karriere)

Ideen

Innovation

Inspiration

Intention (= Absicht):

„Der Geist, aus dem wir handeln, ist das Höchste.“ J.W. v. Goethe.

Unsere Intentionen oder Absichten sind uns oft nicht bewusst. Und so wundern wir uns manchmal über die Ergebnisse unseres Handelns oder Nicht-Handelns. Dabei ist die Intention ursächlich für das Ergebnis: Keine Resultate ohne Intention. Es lohnt sich also, sich etwas bewusster darüber zu werden, mit welchen Absichten wir agieren, worauf wir es in Wirklichkeit „abgesehen“ haben. So dass wir mehr und mehr die Ergebnisse hervorbringen, die wir uns wünschen und nicht die Kuckuckseier, die wir uns durch unbewusstes Handeln ins eigene Nest legen.
Unerwünschte Ergebnisse kommen oft durch „unedle“ Absichten, wenn unsere „dunkle“ Seite zum Vorschein kommt. Zum Beispiel mit der Absicht des Rechthabens, die uns andere verurteilen und ins Unrecht setzen lässt. Diese Absicht wirkt sich selten positiv auf unsere persönlichen und beruflich/ geschäftlichen Beziehungen aus. Oder die Absicht, gut dazustehen. Sie kann uns kontrollierend, zurückhaltend und inauthentisch werden lassen.
Sicher haben wir auch eine Menge gute Absichten, wir wollen erfolgreich sein und gesund leben.
Nur wenn diese Absicht unterminiert wird durch unbewusste, destruktive Absichten, dann wird es schwierig mit dem guten Leben.
Erkunden: Wie mache ich mir meine Absichten bewusst?
1. Schau in eine Situation aus deinem beruflichen Alltag. Zum Beispiel eine Aufgabe, die du übernommen und erledigt hast. Was war deine Absicht? Wolltest du gut dastehen? Wolltest du es abhaken können, vom Tisch haben? Wolltest du kreativ damit sein? Oder einfach einen guten Job machen.
2. Bewerte das Resultat. Entspricht es deinen Erwartungen und denen des Auftraggebers? Wie war es, die Aufgabe zu erledigen, wie hast du dich dabei gefühlt?
Inwiefern könnte die Absicht eine Rolle dabei gespielt haben?
3. Vertiefte Wahrnehmung auf folgenden Feld-Elementen: Du (Name), Aufgabe, Auftraggeber, Ergebnis, Absicht. Stelle dich nacheinander auf die Felder und nimm wahr, welche Energie sich zeigt.

Kompetenz

Kontakte

Kooperation

Kreativität

Lernen

Marketing

Meisterschaft

Motivation

Mobbing (Opfer sein)

Netzwerk

Ordnung

Organisation

Passivität (siehe Aktivität)

Positionierung

Produktivität

Rationalität

Resonanz

Scheitern

Selbstbewusstsein

Selbstverwirklichung

siehe Arbeitsfeld Selbstverwirklichung

 

Selbständigkeit

 

Sinn

Berlin im November 1992, in einem Selbsterfahrungsseminar mit rund 100 Teilnehmern spricht der charismatische Leiter von der Bühne: „Das Leben ist leer und bedeutungslos. Und es bedeutet nichts, das es nicht bedeutet.“ Was für ein Statement. Eine echte Herausforderung, sind wir doch als Menschen „Bedeutungs- und Bewertungsmaschinen“, muss alles einen Sinn ergeben. Wie wäre es, wenn nichts an sich einen Sinn hat, sondern erst durch das hinzufügen von Bedeutung einen Sinn erhält? Wenn Tatsache und Interpretation nicht miteinander zu haben? Spannende Fragen.
Betrachten wir Sinn etwas näher. Ein Vorteil unserer polaren Welt: Vieles wird erst deutlich durch sein Gegenteil. Das trifft besonders auf das Wort Sinn zu. Wirkt Sinn für sich gesehen noch etwas abstrakt und ziemlich vergeistigt wird er im Angesicht von Sinnlosigkeit schon viel konkreter und materieller. So wie die Qualität des Lichts erst richtig vor der Dunkelheit erfahrbar wird, so ist es auch beim Sinn. Sinnlosigkeit erzeugt eine dunkle Leere in uns. Sinnhaftigkeit erfüllt uns mit positiven Gefühlen. Eine sinnvolle Arbeit, das streben wir an. Wir wollen, dass das was wir tun, Bedeutung hat einen Unterschied macht. Dabei kann Sinn subjektiv sehr unterschiedlich erlebt werden. Je nachdem welche Werte uns wichtig sind, empfinden wir bestimmte Dinge als mehr oder weniger sinnvoll. Ist es sinnvoll, sich über Sinn Gedanken zu machen? Für praktisch orientierte Menschen vielleicht weniger als für philosophisch Interessierte. Welche Politik ist sinnvoll? Darüber gehen die Meinungen weit auseinander. „Schwachsinn!“ Manchmal ist es ein sehr kleiner gemeinsamer Nenner, auf den wir uns einigen können. Die meisten halten es für sinnvoll, dass es allgemeingültige Verkehrsregeln gibt. Eher Wenige sind überzeugt davon, die totale Anarchie auszurufen. „Unsinn!“, Blödsinn!“ „Der hat sie (die fünf Sinne) doch nicht mehr alle“.

So führt uns der Sinn zu den Sinnen und zur Sinnlichkeit. Sinnerfüllung und Sinnlichkeit sind nahe Verwandte. Erfüllte Sinne erleben wir, wenn wir uns ganz auf den gegenwärtigen Moment einlassen. Auskosten und genießen können, was sich uns bietet: der Duft, der Geschmack, der Anblick, das Gefühl auf der Haut, das Herzklopfen, die Schmetterlinge im Bauch. Manch ein Sinnsucher setzt auf intensive körperliche Sinneserfahrung. Tatsächlich kann über die Sinne auch geistige Sinnerfüllung erlebt werden. Stimmt dann noch die tägliche Arbeit mit den inneren Werten überein, wird das Leben als sinnerfüllt erlebt. Es hat Bedeutung, ich bin wichtig. Ohne Sinn und Bedeutung sind wir ziemlich aufgeschmissen. Zumindest solange wir nicht in der Zen-Meditation geübt sind.

Spielen
Spielen wird für das 21. Jahrhundert das sein, was Arbeit für das Industriezeitalter war – unsere vorherrschende Art, sich Wissen anzueignen, zu handeln und Wert zu erschaffen“ Pat Kane, „The play ethic“.
Was bedeutet Spielen? Nicht im Sinne von Eric Bernes „Spiele der Erwachsenen“, wenn wir „Spielchen“ spielen mit unserem Gegenüber, indem wir ihn auflaufen lassen, manipulieren oder ignorieren. Das „hab mich doch lieb“-Spiel oder „ich bin stärker als du“-Spiel.
Spielen im eigentlichen Sinne: Seiner Phantasie freien Lauf lassen, sich kreativ ausdrücken, verschiedene Rollen ausprobieren, verrückte Perspektiven einnehmen, ohne Zweck und Ziel, einfach des Spiels willen, um sich zu erfahren, Freude zu erleben und Neues zu erleben. Zusammengefasst: unvernünftig kreativ sein.
Das haben wir als „Erwachsene“ ziemlich verlernt – und suchen verstärkt danach, es neu zu beleben. Was nicht immer so einfach ist. Denn in unserer Kultur ist der protestantische Arbeitsethos bislang tief verankert gewesen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen…“ Arbeit bedeutete Anstrengung und Mühe, wer „hart arbeitet“, der genoss höchstes Ansehen. Der Ernst des Lebens begann schon in der Schule. Da wurde nicht „herumgespielt“, da kam es auf Leistung und Nützlichkeit an. Diese Zeiten ändern sich gerade. An den Schulen wird es etwas spielerischer und auch im Leben.
„Wir leben, wenn wir spielen.“ Humberto Maturana, „Von der Freude“, brandeins 08/2006
So erleben z.B. Schauspiel- und Improtheater-Workshops steigenden Zulauf – Menschen lernen dort, Kontrolle aufzugeben, neue Rollen auszuprobieren, Handeln aus dem Nicht-Wissen, sich mal richtig zum Affen zu machen. Für viele eine extreme Herausforderung und Überwindung. Denn „richtig“ Spielen ist doch irgendwie harte Arbeit. Seine gewohnten Bahnen, die Komfortzone zu verlassen. Das (erwachsene) Gehirn ist darauf nicht gut zu sprechen. Es hätte gerne alles wie immer, möglichst wenig Neues, denn das kostet Extra-Energie. Schauspielen mit auswendig gelerntem Text, ok. Aber einfach so aus dem nichts etwas improvisieren? Wie stehe ich dann da, was denken die anderen dann über mich? Nee, nee, lass mal. Und wie kann Spielen überhaupt die Arbeit im o.g. Sinne ersetzen? In Business-Trainings wird mehr und mehr auf spielerische Formate der Wissensvermittlung gesetzt
Natürlich werden wir künftig nicht von morgens bis abends in irgendwelchen virtuellen Sandkästen sitzen um neue Formen und Designs zu entwerfen oder per Improtheater unsere Organisationsstrukturen erneuern. Gleichwohl wird die im Spiel erzeugte Kreativität zur Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhundert. „Intelligence ist the ability to adapt to change“, sagt Steven Hawking. Es braucht Intelligenz UND Kreativität, um sich einer immer schneller verändernden Welt nicht nur anzupassen, sondern diese zukunftsfähig zu gestalten. Und diese Kreativität wird in spielerischen Settings leichter freigesetzt als in scheinbar rationalen Arbeitsstrukturen. Playful Business wird zum Trend – siehe Artikel zur aktuellen Studie des Zukunftsinstituts „Playful Business“.

Strategie

Stress

Unternehmen

(einen) Unterschied, machen

Werte

Wertschätzung

Wirksamkeit

Wissen

Verbundenheit

Vision

Ziele

Zukunftsblick

 

VonJudith Mücke

Geht nicht – gibt’s doch! – Wenn Veränderungen nicht möglich sind

Geht nicht gibt's doch!Wenn wir Veränderungen wollen und diese nicht gelingen, dann liegt es meist daran, dass wir einem unbewussten inneren Plan folgen und deshalb nicht mit unseren bewussten Entscheidungen mitgehen können.

Dieser innere Plan besteht aus unbewussten Mustern, die uns an vertrauten Lebensumständen, Handlungen oder Personen festhalten lassen. Nicht nur an genussvollen, nützlichen und schönen, sondern auch an solchen, die uns vielleicht schon längere Zeit nicht mehr gut tun.

Fühlen wir uns seit längerer Zeit unwohl, leiden wir, sind wir traurig, krank oder permanent verärgert, dann werden uns unsere Mitmenschen vielleicht schon mal gesagt haben: Du musst jetzt etwas ändern! Doch das ist oft gar nicht so einfach, denn wenn wir es mit unbewussten Mustern zu tun haben, dann werden diese dafür sorgen, dass die bestehenden Lebensumstände aufrecht erhalten werden. Selbst wenn wir ganz entschlossen sind Veränderungen vorzunehmen, können diese Muster eine Kraft entwickeln, die viel stärker ist, als unsere Vernunft. Denn es geht hier um unsere tiefen, schon früh angelegten Überlebensmuster, die uns Halt und Sicherheit geben und zudem für unser soziales Überleben sorgen. Sie bestimmen letztendlich, was gelebt wird und was nicht.

Die Auswirkungen solcher Muster können ganz unterschiedlich sein:

  1. Die Beziehung ist längst vorbei, sie will sich neu verlieben und trotzdem kann sie den Exmann nicht loslassen.

  2. Es ist völlig klar, dass es nicht richtig ist, sich für andere erwachsene Menschen ständig verantwortlich zu fühlen, doch immer wieder springt dieser Impuls an, sich um andere zu sorgen, sich zu kümmern und ihnen ungefragt zu helfen.

  3. Er reagiert auf das Leben immer wieder so angepasst und harmonisierend, dass er nach Außen unschlüssig und schwach wirkt.

  4. Die lieb gewordenen Angewohnheiten, zu viel zu essen, zu trinken, zu arbeiten, zu rauchen, zu zocken, zu kiffen, ständig einzukaufen oder vor dem Rechner zu sitzen, sind gesundheitsschädlich und selbstentfremdend, doch für viele Menschen lässt sich das Maß einfach nicht so leicht regulieren.

  5. Der Job quält ihn schon seit vielen Jahren, doch er kann sich keinen neuen suchen.

  6. Sie hat all die vielen schmerzhaften Symptome, weiß dass sie Ruhe braucht und doch kann sie nicht aufhören, immer beschäftigt zu sein.

  7. Die Wohnung liegt ungünstig und ist zu teuer und trotzdem kann er nicht umziehen.

  8. Der Sohn ist schon ende zwanzig, wohnt noch im Elternhaus und niemand in der Familie ist in der Lage, daran etwas zu ändern, obwohl der Schritt in die Eigenständigkeit gut für ihn wäre.

  9. Die Wohnung ist unordentlich und schmutzig. Sie kann keine Ordnung halten. Wenn sie alles aufgeräumt und schön gemacht hat, sieht die Wohnung in kürzester Zeit wieder aus wie vorher.

  10. Sie liebt ihre Kinder, will nur das Beste und doch ist sie immer wieder kalt, vorwurfsvoll und aggressiv.

  11. Er knabbert an den Nägeln, fasst sich immer wieder an die Nase und wippt ununterbrochen mit dem Bein. Nur mit viel Konzentration lassen sich diese Ticks für kurze Zeit unterdrücken.

  12. Viele schlaflose Nächte hat sie schon hinter sich. Langsam lassen die Kräfte nach. So sehr sie sich auch bemüht einzuschlafen, sie bleibt wach.

Sind unbewusste Muster aktiv, dann haben wir keine freie Wahl mehr über unsere Reaktionen, Handlungen oder über unser Erleben. Wir müssen ihnen folgen, ob wir das gut finden oder nicht. Oft wissen wir ganz genau, dass wir so nicht weiter machen wollen und sollten. Es gab schon viele Versuche, es anders zu machen, etwas zu verbessern, loszulassen, dran zu bleiben oder wegzulassen, doch Vergebens. Nur einen Moment nicht aufgepasst und schon ist alles wie gehabt …

Warum ist das so?

Unsere Persönlichkeit ist im Grunde gar nicht in der Lage, von sich aus zu entscheiden, was in ihr auftauchen soll und was nicht. Sie ist nämlich so eine Art ausführendes Instrument unserer Instinkte, Gewohnheiten, Emotionen, Gedankenberge, Erfahrungen, Impulse und Automatismen. Einfach gesagt: vorgefertigte, festgelegte und eingeübte Muster nutzen unsere bewusste Persönlichkeit dazu, um in der jetzigen anstehenden Lebenssituationen das Überleben zu sichern.

Dabei ist es für diese Muster vollkommen nebensächlich, ob die momentane Reaktion oder Handlung angemessen ist, ob sie wirklich hilfreich, gesund oder gut für alle ist. Muster können nur so sein, wie sie irgendwann einmal festgelegt wurden. Über viele Jahre wurden sie „eintrainiert“. Sie sind im Gehirn durch entsprechende Vernetzungen festgeschrieben. Wir können also nicht anders sein, als unsere Muster es vorgeben. Im Bewusstsein unserer Persönlichkeit kann daher immer nur das auftauchen, was als Muster in uns angelegt ist. Deshalb stellen wir manchmal zurecht fest: Ich kann nicht anders. Ich bin eben so.

In dem Moment, in dem Muster in uns aufsteigen, denkt unsere Persönlichkeit jedoch immer, es wär ihr eigener Einfall, ihr eigenes freies Wollen, Handeln und Erleben. Doch in Wirklichkeit ist dieses Wollen, Handeln und Erleben gar nicht neu und frei. Unsere Persönlichkeit ist nur ein ausführendes Element, das jedoch so tut und oft auch zutiefst davon überzeugt ist, dass sie einen freien Willen, freie Entscheidungen und ein unabhängiges Erleben besitzt. Der bewusste Verstand, die Vernunft und das Wollen haben aber in Wirklichkeit absolut keine Wahl, wenn die angelegten unbewussten Muster etwas bestimmtes vor haben, wenn sie in uns auftauchen, um zum Ausdruck zu kommen.

Beispiele von Mustern, die stärker sind, als der Wille und die Vernunft (passend zu den oberen Beispielen):

  1. Menschen, denen es sehr schwer fällt, einen geliebten Menschen loszulassen, haben oft Muster in sich, mit denen sie seelisch inständig festhalten, weil sie entweder frühere Verluste nicht überwunden haben oder Schuldgefühle sie binden. Meistens wurde die Bindung zu den Eltern bereits in der Kindheit durch seelisches Anklammern gesichert.

  2. Menschen, die sich für andere Menschen zwangsläufig verantwortlich fühlen, haben mit diesem Muster schon versucht, ihre Eltern zu retten, zu beschützen und zu versorgen.

  3. Automatische Anpassungsreaktionen bieten einen permanenten Schutz, wenn das prägende Elternhaus bedrohlich oder verantwortungslos war.

  4. Suchtverhalten jeder Art gibt Halt und Struktur, es hilft, seelische Belastungen zu ertragen und von der momentanen Lebenssituation abzulenken. Oft gibt es Erfahrungen tiefer Verunsicherung und Haltlosigkeit, die noch nicht verarbeitet wurden.

  5. Veränderung erfolgreich verhindern, ist ein Muster, das sich entwickelt, wenn es unverarbeitete seelische Belastungen gibt oder wenn die Person durch frühe Bindungsstörungen oder Traumatisierungen zutiefst verunsichert ist.

  6. Ständig etwas tun zu müssen, ist ein Muster, das verhindern soll, sich selbst zu fühlen. Meistens ist das, was da aus dem Gefühl aufsteigen will, einfach zu schlimm und zu groß.

  7. An einem Ort festhalten kann eine große Hilfe und Stütze sein, wenn die Bindung zur Mutter gestört ist.

  8. Wenn Veränderungen in Familien nicht möglich sind, dann liegt das oft an einem übermäßigen Festhalten untereinander. Oft finden sich Traumatisierungen durch Vertreibung und andere schlimme Erlebnisse in vorangegangenen Generationen, die nicht verarbeitet wurden.

  9. Unordnung ist das Ergebnis von intensiver Ablenkung. Sich von dem momentanen Augenblick und vom eigenen Dasein abzulenken, kann helfen, sich zu entlasten. Manchmal ist es eine Folge von zu früher zu großer Verantwortung und schlechten Grenzen. Oft sind hier aber auch Formen von Selbstbestrafung durch unverarbeitete Schuldgefühle im Spiel.

  10. Kalt oder angriffslustig zu werden sind Selbstschutzmuster, die anspringen bei Überlastung, oft durch zu hohe Selbstansprüche und starke Schuldgefühle.

  11. Nägel beißen, mit dem Bein wippen sowie andere Ticks und Zwänge sind Muster, die dem Menschen helfen, sich sicherer zu fühlen, wenn Druck entsteht durch Selbstentfremdung. Diese Entfremdung kann unterschiedlichste Ursachen haben. Verborgene familiäre Belastungen, Bindungsstörungen, verkopft sein oder Identitätsschwäche sind nur einige davon.

  12. Schlaflosigkeit (wenn sie nicht durch hormonelle Störungen oder durch Mineralmangel ausgelöst wird) ist ein seelisches Muster, mit dem der Mensch sich selbst schützend bewachen möchte, wenn die Kindheit zu unsicher und beängstigend war. Bei symbiotischen Verstrickungen tritt Schlaflosigkeit auch oft als Symptom auf oder wenn es eine Überidentifikation mit der Arbeit gibt.

Etwas loslassen, etwas verändern, sich abgewöhnen wollen oder einfach anders, freier, weiter, gelassener, abgegrenzter, liebevoller, verbindlicher oder sonst etwas zu sein, ist nicht möglich, wenn unbewusste Muster unser Dasein mitbestimmen.

Seelische Muster sind immer stärker, als die bewusste Persönlichkeit.

im nächsten Artikel mehr dazu …

VonJudith Mücke

Seelische Verletzungen – Selbstschutzmuster

dscf4572Tragen wir seelische Verletzungen in uns, dann legen wir uns mit der Zeit Selbstschutzmuster zu. Wie eine unsichtbare Ritterrüstung schützt sie uns unentwegt.

Da uns unsere alten seelischen Verletzungen sehr verunsichern können, uns verletzbar und schutzlos machen, lernen wir mit der Zeit, uns selber gut zu schützen.

Dafür entwickeln wir Strategien und Verhaltensweisen, die uns vor weiteren Verletzungen, Demütigungen und Erniedrigungen schützen sollen. Doch vor allem sollen sie abwehren, dass all die Gefühle, die wir verdrängt haben, für uns selber fühlbar werden.

Solche Selbstschutzstrategien werden um die innere Verletztheit herum gelagert, oft sogar so gut und so lange schon, dass wir selber gar nicht mehr wissen, wie sehr wir uns schützend von uns selbst abtrennen und auch von unseren Mitmenschen. Und oft sogar so selbstverständlich, dass wir uns nicht mal mehr darüber wundern, was wir da eigentlich tun.

Folgende Schutz-Strategien begegnen mir immer wieder in meinem Arbeitsalltag:

(Auch wenn ich die männliche Schreibform -der Typ- wähle, sind hier nicht nur Männer, sondern auch Frauen-Typen gemeint ;0)

  • Der klare verkopfte Typ ist kühl und gefasst, weiß zu allem etwas zu sagen und kann sich so geschickt rechtfertigen, dass der Gegenüber irgendwann nicht mehr weiß, worum es eigentlich ging. Die Fähigkeit, zu analysieren, zu vergleichen und gedanklich einzuordnen, endet nicht selten in endlosen Grübeleien. Dadurch, dass er sich eher in den geistigen Ebenen aufhält, fühlt er sich meist leicht und frei. Gefühle der Mitmenschen werden oft als belastend erlebt. Gefühlsausbrüche sogar als anstrengende Überforderung. Bei dem Versuch, solch ein emotionales Verhalten in Beziehungen gedanklich zu lösen, entsteht Hilflosigkeit und innerer Rückzug. Wenn er dann doch mal in eine emotionale Unstimmigkeit hinein gezogen wird, dann will er alles, was mit Gefühlen zu tun hat, logisch erklären, schnell abhandeln oder gleich im Keime ersticken: „Wenn du so drauf bist, dann rede ich erst gar nicht mit dir.“

  • Der aggressive angriffslustige Typ. Er steht meistens unter Spannung, gerät schnell in Wut, bewertet stark, fordert und beschimpft. In Konflikten sorgt er mit einem Machtkampf dafür, dass er immer Oberwasser hat und verletzt den Gegenüber, um sich überlegen und sicher fühlen zu können. Angriff ist hier die beste Verteidigung. Schnell und zielsicher behält er die Oberhand. Er will bestimmen, um die Situation unter Kontrolle zu halten. Spannungsgeladene Ausbrüche treffen plötzlich auf seine Mitmenschen und erzeugen dort Angst und Anpassung. Starke und tief sitzende Schuldgefühle treiben ihn zudem noch zu verletzenden Vorwürfen. „Du bist selber schuld. Du hast mich wütend gemacht.“

  • Der träge teilnahmslose Typ. Er ist umgeben von Schwere und Trägheit. Wenn es Auseinandersetzungen gibt, dann prallen Argumente und Emotionen an seinem dicken Fell ab. Er hinterlässt den Eindruck, als wäre er unerreichbar, als könne ihn nichts berühren und als wäre keine Veränderung möglich. Alles beim Alten lassen und das Leben auf ein erträgliches Minimum zu reduzieren sind seine Stärken. Zwischenmenschliche Reibereien, die ja der Entwicklung dienen können, werden hingenommen, ausgehalten und eher ertragen, als genutzt. Langsamkeit, Impulslosigkeit und Pausen bestimmen oft den Alltag, was dazu führt, dass Erledigungen nicht angegangen oder nicht abgeschlossen werden. Druck und Vorwürfe von außen, verschlimmern diese innere Starre noch mehr. Wie ein Fels in der Brandung, stabilisiert er sich in Bewegungslosigkeit.

  • Der angespannt getriebene Typ. Er ist in Bewegung und hat ständig etwas zu tun. Es kommt einem so vor, als wäre er auf der Flucht oder würde ständig einem Ziel nachjagen. In Auseinandersetzungen versucht er Spannungen zu harmonisieren, indem er Situationen optimistisch verschönt und vielleicht auch freundlich verharmlost. Oder er dramatisiert, um das Wesentliche zu umschiffen. Gern versprüht er gute Laune, Liebe und Freude. Seine betonte Freundlichkeit, auch Lebendigkeit und lautes Lachen werden jedoch von den Mitmenschen oftmals als verstörend und unangenehm empfunden. Ein nett gemeinter milder Kleber legt sich über alles Traurige und Schmerzvolle. Dieser Typ kann wie eine Maschine funktionieren und dabei körperlich immer wieder zutiefst erschöpfen. Krankheiten verschaffen ihm dann eine Pause zum Kräfte sammeln. Perfektionismus gibt Halt und Sicherheit. Immer wird das Leben verbessert. Für andere Menschen da zu sein, ihnen zu helfen und sie zu unterstützen, ist sein Lebenselixier.

Hat ein Mensch eines dieser Muster stärker oder schwächer entwickelt bzw. Mischformen davon, dann ist das ein Zeichen dafür, dass er Erfahrungen und Identifizierungen in sich trägt, die er beschützen und sichern muss:

Verletzungen, Demütigungen, Folgen von Vernachlässigung und Gewalt, innere Zerrissenheit durch einen Jenseitssog, eigene Traumatisierungen oder die eines Familienangehörigen, sind nur Einige davon.

Je stärker die seelische Verletzung ist und das traumatisierende Erleben war, desto besser und hermetischer ist die Rüstung. In solch einem Selbstschutz fühlen wir uns sicher. Das Selbstschutzmuster zu verändern oder zu durchbrechen, ist kaum möglich und sollte auch nicht versucht werden, denn dadurch können wir uns aus dem Gleichgewicht bringen.

Einem Menschen sein Schutz-Verhalten vorzuwerfen, ist auch nicht sehr aussichtsreich und sinnvoll, denn jemand, der sich wie oben beschrieben verhält, kann gar nicht anders. Da gibt es keine Alternative. Er würde sich sonst selber in Not bringen.

Ein Schutzmuster ist immer die Folge von einem schwerwiegenden, nicht aushaltbaren unverarbeiteten Erlebnis. Eine Reaktion und eine Antwort auf etwas tiefer Liegendes in uns, etwas, dass wir nicht alleine halten, nicht lösen oder ändern konnten und können.

Der schützende Teil und der beschützte Teil gehören unzertrennlich zusammen.

Ohne Schutz kann Ohnmacht, Unsicherheit, Machtlosigkeit, Schmerz, Hilflosigkeit, Schwäche, Schwere, Unbehagen, Entwurzelt-Sein, Trauer, Leid, Abgründe, Schreck, Entsetzen, Erstarrung, Schock, Ängste, Empfindungslosigkeit, Verletzungen, Sog ins Jenseits, Überlastung, Weinen und vieles mehr in uns aufsteigen.

Ohne all diese belastenden Gefühle brauchen wir keine Schutzmuster, sondern können als eine frei fließende authentische wache liebende und klare Persönlichkeit leben, die die Höhen und Tiefen des Lebens entspannt, besonnen und sicher durchlebt.

VonJudith Mücke

Traurigkeit und seelischer Schmerz

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Traurigkeit dehnt sich in unserer Gefühlswelt aus. Sie ist immer da und wenn es einen Anlass gibt, dann macht sie sich in uns breit. Das ist ihre Verhaltensweise. Traurigkeit gehört zu unserer Gefühlswelt, wie das Blut zu unserem Körper. Säfte fließen, Muskeln spannen sich an, Gelenke bewegen sich in ihrem vorgezeichneten Radius und Traurigkeit dehnt sich aus. Nach einer Ausdehnung zieht sie sich auch wieder zusammen, so, wie ein Muskel sich nach der Anspannung auch wieder entspannt – wenn man ihn lässt.

Durch Weinen bekommt Traurigkeit einen Ausdruck und kann, wenn nötig, abfließen. Halten wir Traurigkeit fest, sammeln wir sie über Jahre in uns an oder findet sie aus anderen Gründen keinen Ausdruck oder Raum, dann bewegt sie sich Richtung Körper, wo sie Krankheiten, Schwere und Erschöpfungszustände verursachen kann.

Seelische Verletzungen dagegen sind den körperlichen Verletzungen sehr ähnlich. Sie werden zugefügt. Unser eigenes Denken, Enttäuschte Erwartungen, Ereignisse in unserem Leben oder einfach eine verletzende Bemerkung, können uns schmerzlich treffen und seelische Wunden hinterlassen. Seelische Verletzungen können zutiefst schmerzhaft sein.

Werden starke seelische Verletzungen gefühlt und zum Ausdruck gebracht, dann geschieht dies oft in Form von Schreien, Zittern, dem Impuls, schlagen, etwas zerschlagen oder treten zu wollen sowie lautes Weinen. Auch Verletzungen können in den Körper verschoben werden, wenn wir nicht bereit sind oder in der Lage fühlen, sie zu fühlen. Im Physischen erzeugen sie dann vorzugsweise chronisch entzündliche Prozesse.

Gefühle bestehen aus energetischen Ladungen, Kräften, Spannungen und wuchtigem Druck, die unserem Nervensystem und all unseren sensiblen körperlichen Rhythmen und Vorgängen stark zusetzen und diese sogar zersetzen können.

Traurigkeit dehnt sich auf der Höhe des Solarplexus aus. Wut, ein anderes ursprüngliches Gefühl, nehme ich im Körper weiter unten im Bauchraum wahr. Dehnt sich Traurigkeit aus, dann können wir das als Druck spüren, der Richtung Hals immer stärker wird.

Kinder lassen Traurigkeit einfach durch den Hals fließen, weinen und schluchzen. Erwachsene halten Traurigkeit im Bereich des Zwerchfells oder des Halses oft reflexartig fest, denn hier sitzen Ängste, die den Fluss der Traurigkeit blockieren können. Zu diesen Ängsten gehören: die Angst vor Zurückweisung, Ablehnung und Missbilligung und die vor Auseinandersetzung, Konflikt und Spannung. Im Hals sitzt aber auch die Fähigkeit der Selbstkontrolle, die wir einsetzen, wenn wir die für uns unangenehmen Gefühle einfach nicht fühlen wollen.

Eine seelische Verletzung ist ein deutlich anderes Gefühl, als Traurigkeit. Sind wir verletzt, dann fühlen wir uns wund, gekränkt, gedemütigt, erniedrigt, entwürdigt oder misshandelt. Verletzungen entstehen, wenn unsere Grenzen von uns oder unseren Mitmenschen nicht gewahrt wurden, wenn negative Einflüsse uns treffen oder wenn unsere Erwartungen und Vorstellungen nicht erfüllt wurden. Eine seelische Verletzung hinterlässt einen Schmerz, durch den wir uns gequält und schutzlos fühlen. Begleitend nehme ich bei diesem Gefühl oft Enttäuschung, Frust, Zorn und unterdrückten Ärger wahr.

Traurigkeit nehme ich als ein sehr ursprüngliches Gefühl wahr. Ich empfinde es als eine Energie, die nicht feurig ist, wie die Wut und nicht so vitalisierend und belebend, wie die Lust, auch nicht so eng und beklemmend, wie Angst, sondern eher etwas bleiern, sumpfig, dumpf und lähmend. Um die Traurigkeit herum können Hoffnungslosigkeit, alter Kummer und längst vergessene Kränkungen, Mitleid, Einsamkeit und die Erfahrung von emotionaler Vernachlässigung zu finden sein.

Traurigkeit kann außerdem auch mit Freude, Lust oder Wut vermischt sein, da dies alles Grundgefühle sind, die sich auch gleichzeitig ausdehnen können. Solch ein Gefühlsbrei kann uns allerdings sehr durcheinander bringen, da unsere Gefühle eine wichtige Orientierung für uns darstellen. Daher ist es immer gut, die innere emotionale Aufregung ruhiger werden zu lassen, Gefühle einzeln zu fühlen und sie zu klären.

Folgende Fragen können dabei helfen:

  • Was fühle ich genau?

  • Wo sitzt das Gefühl im Körper?

  • Was macht mich traurig?

  • Was macht mich wütend?

  • Was hat mich verletzt bzw. alte Verletzungen aufgerissen?

  • Sind es meine Gefühle, die ich da wahrnehme oder kommen sie aus meiner Familie oder aus meinem Umfeld? (Das ist für viele Menschen eine sehr wichtige Frage. Dazu unten mehr…)

Weitet und dehnt sich unsere Seele aus, wie wir es in der Weite der Natur, in Therapie oder in der Meditation erleben können, dann schiebt sie gern einen Berg Traurigkeit vor sich her. Wie ein großer Schneeflug den Schnee auftürmt, schiebt unser Seele unsere Traurigkeit in Richtung Hals, wo sich dann ein dicker Kloß bildet. Es kann auch am Brustbein ein Druck entstehen, der uns den Atem zu nehmen scheint. Hier kann es sehr eng werden, wenn in uns die Angst vor Verletzungen schlummert oder wenn wir uns aus irgendeinem anderen Grund vor der Liebe verschlossen haben.

Entstehung von Traurigkeit

Traurigkeit ist etwas, das in seiner ursprünglichen Form keine Therapie oder Heilung braucht. Sie entsteht eigentlich gar nicht, sondern dehnt sich in unserem Körper, wenn es eine entsprechende Gelegenheit gibt, aus. Als Ausdruck unserer Seele, wie auch Freude, Wut und Lust, ist Traurigkeit einfach nur gesund. Ihr Ausdruck über unseren Körper ist, wie schon erwähnt, das Weinen. Wenn sie sich im Laufe der Jahre im Körper verfangen hat oder als Blockade in unserem Gefühlskörper verharrt, dann kann Therapie sehr hilfreich sein. Denn es ist gut, wenn Traurigkeit Raum bekommt, in dem sie fühlbar wird und fließen kann.

Bevor Traurigkeit sich ausdehnt, braucht sie einen Auslöser, einen Grund. Da wir Menschen sehr unterschiedlich gestrickt sind, lösen auch unterschiedliche Dinge unsere Traurigkeit aus. Wenn wir einen geliebten Menschen verloren haben, dann dehnt sich Traurigkeit oft in vielen Schüben, über Monate und Jahre aus, was wir als Trauern bezeichnen.

Bei empathisch emotionalen Menschen kommt Traurigkeit schneller in Wallung: beim Anblick einer Hochzeit, eines Babys, eines traurigen Menschen, bei einer berührenden Filmszene oder während ein alter Herzschmerzsong gespielt wird. Es kullern auch die Tränen, wenn über Liebe, Vertrauen, Verbundenheit oder Hoffnung gesprochen wird, sich entschuldigt wird, etwas lieb gewonnenes verabschiedet werden muss oder wenn tiefe Dankbarkeit ausgesprochen wird.

In meinem Praxisalltag begegne ich immer wieder Menschen, die mit dem Weinen nicht aufhören können. Es gibt dann meist auch keinen handfesten Beweggrund, der das viele Weinen rechtfertigt. Das hat in der Regel damit zu tun, dass nicht die eigene Traurigkeit heraus geweint wird, sondern die der Mutter, des Vaters oder der Großeltern.

Unverarbeitete Trauer und Traumatisierungen unserer Vorfahren kann bewirken, dass wir ständig weinen müssen und dabei keine seelische Erleichterung erfahren. Oder wir spüren instinktiv, dass etwas nicht stimmt, wenn fremde Gefühle in uns sind und trennen uns gänzlich von einem Großteil unserer Gefühlswelt ab. Hier ist es wichtig, die eigenen von den fremden Gefühlen unterscheiden zu lernen. Und die Gefühle, die nicht die eigenen sind, dorthin zu entlassen, wo sie hingehören.

Viele Menschen fühlen unentwegt die Gefühle anderer Menschen. Diese sensiblen, emotional empfangenen Menschen, nehmen fremde Gefühle und Atmosphären ihrer Umwelt in sich auf und denken, es wäre das Eigene. Das kann sehr verunsichernd sein und zu falschen Selbstbildern führen, körperliche und psychische Krankheiten verursachen, aber auch das Immunsystem anhaltend überlasten.

Rein körperliche Ursachen, die zu unentwegtem Weinen führen können, sind Hormon- und Mineralmangel, die durch viel Stress, älter werden und durch eine ungesunde Lebensweise zustande kommen können.

Aber auch das Freiwerden von alter Traurigkeit, kann viel Weinen auslösen. Auslöser gibt es da sehr unterschiedliche: ein Gespräch, Verluste, Abschied, Verliebtsein, Sex, ein Film oder Meditation. Dann sind wir ganz verwundert und verwirrt, weil plötzlich Traurigkeit in uns hervorbricht, die keinen aktuellen realen Bezug hat. In solchen Momenten können wir davon ausgehen, dass unser Körper eine Ladung angestauter Gefühle und Erinnerungen aus der Vergangenheit freigeben will. Keine Angst – wir können sicher sein, dass diese, wie eine Welle kommt und auch wieder geht.

Alte Traurigkeit, die sich oft wie ein Schatten vor unsere Liebesfähigkeit legt und unsere innere Freiheit behindert, entsteht immer in unserer Kindheit.

Hier begegnen mir folgende Auslöser:

  • die familiäre Atmosphäre war kalt, lieblos und belastend

  • die Liebe, die gegeben wurde, war zu wenig oder nicht sanft und liebevoll genug

  • die Eltern konnten nicht in einen wachen aufmerksamen Kontakt gehen, nicht trösten und nicht zuversichtlich sein

  • die Welt wurde grundsätzlich als unangenehm und lieblos wahrgenommen

  • Eltern wurden als unberechenbar wechselhaft und als funktional erlebt

  • das Schlechte, Gewaltvolle und Böse unserer Existenzebene wird als Qual, als Bedrohung und als Enge empfunden

  • Liebe kann sich, wegen familiärer Blockaden, nicht ausdehnen und fließen

  • Eltern, Geschwister oder Großeltern leiden an ihrem schweren Schicksal, worunter mitgelitten wird

  • innere Hilflosigkeit, Ohnmacht, Mangel an Sicherheit und Halt können ebenfalls zu großer Traurigkeitsansammlung in unserer Gefühlswelt führen

In alter Traurigkeit vermischt sich Traurigkeit mit den Erinnerungen aus einem längst vergangenen Erlebnis. Bekommt diese Traurigkeit Raum durch bewusste Wahrnehmung oder durch das Zulassen von Gefühlen, dann sausen uns nicht nur Gefühle, sondern auch vergessene Erinnerungen um die Ohren. Das kann sehr verwirrend sein, vor allem dann, wenn wir denken: „damit habe ich längst abgeschlossen“, „da bin ich drüber hinaus gewachsen“, „das kann mich nicht mehr anheben“ oder „da bin ich längst durch“.

Gerade wenn das Leben inzwischen schöner, runder und glücklicher ist, als damals, kann es uns schwer fallen, die Altlasten zuzulassen. Da sie unserem aktuellen Lebensgefühl nicht mehr entsprechen, empfinden wir sie als störend. Die Unterscheidung zwischen aktueller und alter Traurigkeit ist hier sehr hilfreich und wichtig, so dass wir keine Zweifel an unserer Selbstwahrnehmung bekommen und nicht in Selbstabwertungen landen: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ „Ich bin doch nicht normal.“

Wie oft haben wir uns darum bemüht, traurige Momente einfach nur schnell hinter uns zu lassen, doch ein paar Jahre später stiegen dann all die alten Gefühle wieder in uns auf und belästigten uns regelrecht – oft auch über körperliche Schmerzen.

Wie kommt das?

Wir können Gefühle nicht abschütteln. Wir können sie nur abspalten und verdrängen, dass es so scheint, als wären sie nicht mehr existent. Es bleibt jedoch immer die Angst, dass es irgendeinen Auslöser geben wird, der sie in uns aufsteigen lässt. Durch Verdrängung ist es aber möglich, über viele Jahrzehnte die alten Gefühle in Schach zu halten. Das kann zwar Leben retten und stabilisieren, doch leider geht das immer auf Kosten unserer Beziehungen. Denn nur so weit, wie wir mit uns selber verbunden sind, können wir auch anderen Menschen nah sein.

 

VonJudith Mücke

Der Jenseitssog

DSCF4537Der Sog ins Jenseits ist eine ’seelische Bewegung‘, der ich oft in meiner Arbeit begegne. Wenn jemand diesen Sog hat, dann bedeutet das nicht, dass derjenige sterben möchte oder Selbstmord gefährdet ist. Ein Jenseitssog entsteht, wenn ein Teil unserer Seele aus dem Leben zieht, zu jemanden hin, der bereits gestorben ist.

Im Laufe der Jahre habe ich zwei Varianten beobachtet:

  1. Ein Mensch hat jemanden durch den Tod verloren. Das können Vater, Mutter, Großeltern, Geschwister, Zwilling, Kinder, enge Freunde und sogar Tiere sein. In der Regel gibt es eine enge oder besondere Bindung zu der verstorbenen Person oder dem Tier. In den meisten Fällen wurde sich mit dem Verlust nicht ausreichend auseinander gesetzt, Loslassen fällt schwer oder es wurde versäumt, angemessen zu trauern.

  2. Eine nahestehende Person hat einen starken Jenseitssog, wie in Punkt 1. beschrieben und da diese Person aus dem Leben zieht und gefühlt ‚verloren‘ geht, wird unbewusst seelisch (fest-)gehalten. Dadurch kann man ‚mitgezogen‘ werden.

Ein Jenseitssog gehört, wie schon erwähnt, nicht zu den seelischen Verstrickungen und Dynamiken, die uns dazu bringen können, uns selbst das Leben nehmen zu wollen. Da gibt es ganz andere Belastungen, die eher dazu führen können. Es geht hier um die Nähe zu einer geliebten Person und nicht darum, sterben zu wollen. Für die Angehörigen ist es meist ein einschneidendes Erlebnis, wenn jemand die körperliche Existenzebene verlassen hat. Können wir dies nicht gut verarbeitet, dann tragen wir den Verlust als seelische Belastung mit uns herum.

Körperlich können wir nur auf einer Ebene existieren, doch seelisch auf verschiedenen Existenzebenen sein. Zieht unsere Seele vom Körper weg, weil wir jemandem hinterher oder ihn halten wollen, dann bekommen wir in unserer körperlichen Existenz Schwierigkeiten. Wenn uns klar geworden ist, dass wir bei unserem Körper bleiben müssen, dann ist das bei dieser Verstrickung schon ein guter erster Schritt.

Viele Menschen zieht es vom körperlichen Dasein weg, hin, in lichtere leichtere und feinere Bewusstseinsebenen. Dieses Weg-wollen ist jedoch kein Sog, sondern eine anhaltende Distanziertheit, die uns lediglich davon abhält, das Leben im Irdischen vollkommen anzunehmen. Im Jenseitssog dagegen wollen wir nicht vordergründig dem Irdischen entkommen, sondern folgen der Sehnsucht nach Nähe und Verbundenheit zu einem geliebten Menschen, der sich von uns entfernt hat.

Nehme ich einen solchen Jenseitssog wahr, dann begegnen mir folgende Anzeichen und Eigenschaften:

  • die Person weiß meistens nichts davon, weil der Sog nur auf einer tiefen Gefühlsebene gefühlt werden kann und wenn er gefühlt wird, dann kann er kaum benannt oder klar eingeordnet werden

  • der Jenseitssog ist kein schmerzhaftes oder heftiges Gefühl, eher eine Art subtiles aus dem Körper gezogen werden

  • es ist ein unentwegtes unterschwelliges Wegziehen, dass dazu führt, dass uns ca. 40-60% Lebensenergie nicht zur Verfügung stehen

  • solch ein Sog wird auch als süße melancholische Schwere empfunden, die zu einem gehört, wie ein alter lieber Teddybär

  • oft liegen Traurigkeit, Verlustschmerz oder Wut oben drauf, Gefühle, die meist gut unterdrückt werden

  • im Laufe des Lebens entwickelt die Person eine besondere Anziehung oder Neigung in Bezug auf Verluste, entweder sie verlässt ständig andere Personen, wird verlassen oder sie verliert immer wieder Menschen, ohne etwas dagegen tun zu können, womit die Ohnmacht bei dieser Verstrickung sehr deutlich wird

  • die geringere Lebensenergie, mit der die Person klar kommen muss, spiegelt sich oft in Formen von Mangel wieder: Geld, Freunde, Ideen, Zeit, Erfolg, Lust …

  • es ist für eine Person mit Jenseitssog sehr schwer, sich zu binden, Beziehungen verlaufen kompliziert oder erstarren

  • im Jenseitssog kann weiterhin eine Symbiose (siehe Artikel Symbiosen) vorliegen, die zu Lebzeiten schon bestand – solche Verstrickungen reichen über den Tod hinaus

  • das Gefühl, im Leben irgendwie festzustecken

Um einen Jenseitssog lösen zu können, müssen wir herausfinden, zu wem es unsere Seele hinzieht. Dann kann ein Ablösungs- und Trauerprozess beginnen. Nicht selten möchte die Person diesen Prozess nicht durchlaufen, um die Endgültigkeit des Getrennt-Seins nicht akzeptieren zu müssen. Das kommt daher, weil der natürliche Zustand, unserer liebenden verbundenen Seele, Einheit und Nähe ist. Es ist gegen ihre Natur, sich zu trennen, sich abzuschneiden und unverbunden zu sein. Das Diesseits und das Jenseits sind wie zwei verschiedene Räume. Wir können mit dem einen (seelischen) Bein hier und mit dem anderen dort sein, doch dann sind wir in keinem Raum richtig anwesend.

Die Tür zum Jenseits steht immer offen. Für unsere Seele existiert der Tod nicht. Der Tod bedeutet nur für unseren physischen Körper das Ende. Zieht es die Seele aus dem Leben ins Jenseits, dann nimmt dieser Sog die Energie, die wir im Alltag brauchen, mit sich. Wir fühlen uns der verlorenen Person zwar näher, zahlen jedoch einen hohen Preis: ein unlebendiges und halb gelebtes Leben. Um den inneren Widerstand gegen das Getrennt-Sein zu überwinden, kann es helfen, zu verstehen, wie sehr wir uns mit dieser seelischen Grätsche schaden und wie wenig Liebe, Freude und lebendiger Seelenfrieden uns dadurch im Alltag bleibt.

Die folgenden Sätze können uns bei der Ablösung behilflich sein:

  • Ich lassen dich ziehen.

  • Ich hier und du da.

  • Ich bleibe noch ein bisschen (20/30/40 Jahre) und dann komme ich auch.

  • Ich will leben und komme zu dir, wenn ich dann auch gestorben bin.

  • Es tut mir sehr leid, dich loslassen zu müssen. Bald sind wir wieder zusammen.

  • Ich liebe dich und bleibe hier.

  • Ich will dich nicht länger halten und lasse dich jetzt gehen.

  • Ich lebe und du bist gestorben. Nun geht unsere Reise für eine Weile getrennt weiter.

Diese Sätze können so lange zu dem Verstorbenen oder zu demjenigen, den es aus dem Leben zieht, in Gedanken gesagt werden, bis keine Träne mehr fließt, kein Schmerz mehr aufsteigt, bis diese Sätze frei und leicht gesagt werden können.

VonJudith Mücke

Symbiose – Belastet durch Verbundenheit

Symbiose

Von Menschen, die symbiotisch sind, höre ich oft folgende Sätze:

  • Ich bin schon lange nicht mehr ich selbst.

  • Ich kann mich nicht fühlen.

  • Ich verliere mich in den Beziehungen zu anderen Menschen.

  • Wer bin ich eigentlich?

  • Ich kann mich nur schwer abgrenzen.

  • Kümmere mich immer um Andere.

  • Ich habe die Diagnose: Depression, Psychose, ADHS, manisch-depressiv …

  • Ich fühle andere immer mehr als mich.

  • Ich sehne mich danach, ich selbst sein zu können.

  • Ich leide unter der schlechten Verfassung (krank sein, süchtig sein, depressiv sein, hyperaktiv sein …) meiner Mitmenschen.

  • Ich fühle mich schwer, müde, handlungsunfähig und belastet, kann nicht aufhören zu weinen, bin nervös, schnell wütend, kann nicht schlafen, kann mich nicht entspannen …

  • Ich brauche Drogen oder Medikamente, um mich gut fühlen zu können.

In einer Symbiose verbinden wir uns mit dem unverarbeiteten Schicksal unserer Eltern, Großeltern oder einer anderen nahestehenden Person. Wir identifizieren uns mit ungelösten Gefühlen, erleben dann das ‚Fremde‘ (fremde Gefühle) als unser ‚Eigenes‘. Das ‚Fremde‘ nimmt den Platz unserer eigenen Gefühle ein, es überlagert sie ganz oder teilweise. Als Reaktion darauf, werden wir, je nach Temperament: schwer, handlungsunfähig, unsicher, unruhig, gereizt oder wütend. Unverarbeitete Gefühle, wie Trauer, seelischer Schmerz, Angst, Schock, Sog ins Jenseits, Schamgefühle, Schrecken oder Entsetzen (auch ein Gemisch aus diesen Gefühlen), können hier eine Rolle spielen. Diese Gefühle wurden von unseren Vorfahren nicht verarbeitet, sondern verdrängt, abgespalten oder tabuisiert. Menschen, die symbiotisch sind, verbinden sich meist unbewusst mit diesen Gefühlen und nehmen sie in sich auf.

Was ist was? – Gefühle unterscheiden lernen:

Auf der Ebene der Gefühle können wir uns das so vorstellen: wir stehen oder schwimmen in einem klaren Waldsee. Normalerweise finden wir in diesem klaren Gewässer unsere persönlichen Gefühle. Diese Wasserwesen schwimmen vorbei oder hängen an uns dran. Da gibt es vielleicht einen dicken grauen Traurigkeits-Fisch, der auf unserer Schulter sitzt, weil wir uns nach Liebe und Verbundenheit sehnen. Vielleicht grummeln auch Wut-Haie vorbei, wenn die Dinge nicht so laufen, wie sie sollen. Auch fiese Verletztheits-Würmer können uns anspringen und uns mit ihren Widerhaken kratzen. Und Schuld-Quallen pfropfen sich liebend gern auf unser Herz. Aber auch Scham-Schlangen wickeln sich gern um unseren Bauch. Vielleicht hängt auch ein Trägheits-Rochen an unserem Bein. … All diese eigenen Gefühle sind für uns handhabbar und gut auszuhalten. Spüren wir sie, dann wissen wir meistens auch, warum sie da sind. Wenn wir sie festhalten, dann werden sie größer und anhaltend fühlbar. Lassen wir sie einfach da sein, dann kommen und gehen sie von allein. Kümmern wir uns verantwortungsvoll um sie, dann verwandeln sie sich in Liebe, Frieden und Lebendigkeit. … ‚Eigene‘ Gefühle sind für uns tragbar und gut zu verarbeiten. Kommen starke fremde Gefühle in unseren kleinen Waldsee, dann ist es so, als würde sich ein dicker psychisch gestörter schrecklicher Wal dort breit machen. Da gibt es dann kaum noch Platz für eigenen Gefühle, geschweige denn die Weite für Offenheit und Liebe. Wir sind dann unentwegt einer subtilen ungreifbaren Bedrohung ausgesetzt. Das macht uns gereizt, müde, taub oder dumpf und führt zu einer ständigen Überforderung …

Solange nicht erkannt und gefühlt werden kann, was das ‚Eigene‘ und was das ‚Fremde‘ ist, kann der Mensch keine Erleichterung und Heilung finden. Wenn das ‚Fremde‘ erkannt und abgelöst wurde, kann derjenige wieder zu sich selbst werden, frei und selbstbestimmt leben.

Aktive und passive Symbiose:

Ich unterscheide bei den Symbiosen zwei Formen: die aktive und die passive Form.

Bei der aktiven Form haben wir viel Empathie, Liebe und Mitgefühl für unsere Mitmenschen. Wir wollen helfen, für andere da sein, sie unterstützen und können es kaum ertragen, wenn die Menschen, die wir lieben, leiden. Unbewusst (auf der innere Kind-Ebene) klammern wir uns mit unsichtbaren Seelenarmen um den Schmerz eines Elternteils oder halten dessen verwahrlostes trauriges gestörtes und verzweifeltes inneres Kind im Arm. Wir halten das Schwere und Tragische fest, mit der Absicht, Mama oder Papa zu entlasten. Unsere Lieben sollen nicht allein sein mit ihrem leidvollen Schicksal. Wie eine schwere Tasche, an die wir mit anfassen, halten wir es fest, so dass es für den anderen leichter wird. Bei dieser Art der Symbiose, gibt es eine klare Motivation: wir wollen behilflich sein und entlasten, weil wir spüren können, wie schwer, leidvoll oder belastend es für Mama oder Papa ist, was sie/er dort mit sich herum trägt.

Bei der passiven Form, ist es etwas anders. In der normalen natürlichen seelischen Verfassung sind diese Menschen sehr sensibel, offen, neugierig, interessiert und weit. Sie spüren die Atmosphäre um sich herum, als wäre sie ‚in ihnen drin‘ und jede emotionale Regung, jeden Umschwung und jede Veränderung in dieser Atmosphäre nehmen sie ‚in sich‘ wahr. Sie nehmen die Stimmungen in sich auf, wie die Luft beim Einatmen. Eine ausgeprägte Grenzenlosigkeit auf der Ebene der Emotionen ist hier zu finden. Für sie ist es grundsätzlich schwierig, das ‚Fremde‘ vom ‚Eigenen‘ zu unterscheiden. Wurde in der Familie eines solchen Menschen, Trauer, Traumata oder Schmerz nicht verarbeitet, dann ist es bei einer passiven Symbiose so, dass diese Gefühle wie selbstverständlich aufgenommen werden, einfach weil sie in der Atmosphäre liegen. So wie Rauch eingeatmet werden muss, wenn er in der Luft liegt.

Alle ADS/ADHS Kinder, deren seelische Verfassung ich untersucht habe, waren symbiotisch mit einem Elternteil. Deshalb werden die Symptome in der Pubertät oft besser, weil sie da in der Lage sind, ihre seelische Belastung besser zu kompensieren, zu kontrollieren oder abzuspalten.

Was tun?

Menschen, die symbiotisch sind oder es ständig werden, können folgendes tun:

  1. Erkenne/spüre, mit wem du seelisch verbunden bist (in meiner täglichen Praxis spüre ich diese Verbindungen für meine Klienten mit meiner Wahrnehmung auf)

  2. Löse dich von dem fremden Schicksal (dafür habe ich tief gehende Rituale entwickelt)

  3. Werde zu dir selbst (dafür habe ich integrative Rituale entwickelt)

  4. Lerne, dich abzugrenzen (das kann man üben)

Da Kinder sich nicht auf diese Weise helfen können, weil ihre Persönlichkeit noch nicht entsprechend entwickelt ist, ist es hier wichtig, heraus zu bekommen, mit welchem Elternteil das Kind symbiotisch ist (das kann man wahrnehmen). Dieser kann dann an seinem Trauma, Schmerz usw. oder an seinem eigenen symbiotischen Verhalten arbeiten, um das Kind zu entlasten. (Auf diese Weise habe ich inzwischen mit einigen Eltern gearbeitet und die Kinder wurden ruhiger, konzentrierter, gesünder und wieder mehr sie selbst.)

Von Natur aus miteinander verbunden …

Das Wort ‚Symbiose‘ bedeutet: zusammen leben. Das hört sich ganz harmlos an. In unserem Alltag können wir ‚zusammen leben‘, ohne uns mit dem Schicksal anderer Menschen zu belasten. Das würden wir im psychologischen Sinne jedoch nicht als Symbiose bezeichnen. Das Zusammen-Leben ist auch nicht die Voraussetzung für eine Symbiose. Ich habe schon mit Menschen gearbeitet, die einen Elternteil in jungen Jahren verloren haben und trotzdem seelisch mit dessen Schicksal verwoben und dadurch beschwert waren, einfach weil sie dem Elternteil nah sein wollten.

Ich würde sagen, dass die Ursache von belastenden Symbiosen in unserer eigenen Natur liegt. Wir Menschen haben tief in uns eine natürliche Verbundenheit miteinander. In unserer Familie ist diese besonders stark ausgeprägt, jedoch zieht sich diese Verbundenheit in Wirklichkeit über die ganze Menschheit hinweg. Miteinander verbunden zu sein, ist unserer natürlicher Zustand. Erst unsere Persönlichkeit sorgt dafür, dass wir uns als getrennt von den anderen Menschen wahrnehmen und erleben. Unsere Persönlichkeit identifiziert sich, sie ist jemand, sie hat Überzeugungen, eine Geschichte, Erfahrungen, Vorlieben, Abneigungen, Prägungen, Überlebensstrategien, Schutzmechanismen, Absichten, Motivationen, Abspaltungen und Bewertungen. Das macht uns zu einer konditionierten gefestigten Persönlichkeit.

Um jedoch frei, gesund und selbstbestimmt sein zu können, braucht unsere Persönlichkeit oft einen Wandlungsprozess, der ihr hilft, in ihre natürliche Form zu kommen. Hier werden Symbiosen gelöst, alte Gefühle und Traumata geheilt, Überzeugungen in Frage gestellt und sich auf die Suche nach dem ganz ‚Eigenen‘ gemacht.

Warum werden manche Menschen (Kinder) symbiotisch und sind belastet und andere nicht?

Wer mehrere Kinder hat, der weiß aus eigener Erfahrung, dass jedes Kind anders ist. Das eine hat ein großes Herz und spürt alles, das andere ist sehr sensibel und spürt noch mehr und dann gibt es da eins, das ist so bei sich, dass die Gefühle anderer oder die Atmosphäre keinen großen Einfluss zu haben scheinen. Das sind die bodenständigen Kinder, die, mit der guten Verbindung zum Physischen. Für sie ist essen, schlafen und Körperkontakt sehr wichtig.

Wenn wir durch symbiotisches Verhalten belastet sind, dann bringen wir meist entsprechende Neigungen mit, die dies begünstigen:

  • Liebende Menschen wollen mit allem um sich herum gut fürsorglich und liebend verbunden sein. Sie erleben sich und ihre Umwelt aus dem Herzen, aus den Gefühlen heraus.

  • Sehr sensible Menschen erleben sich und ihre Umwelt aus ihrer Sensibilität und aus einer feinen Wahrnehmung heraus. Sie haben eine gute Verbindung zu den feinen geistigen Bereichen, die nicht nur Gefühle, sondern auch feinste Schwingungen und Informationen selbstverständlich mit einbeziehen.

  • Bodenständige Menschen erleben sich und ihre Umwelt vor allem aus der körperlich-handelnden Perspektive heraus und sind dadurch am wenigsten anfällig für Symbiosen.

Für Menschen, die symbiotisch sind, ist es wichtig, abgegrenzter zu sein:

  • Im körperlichen Bereich ist es am klarsten, denn dieser Bereich ist von Natur aus getrennt.

  • Im emotionalen Bereich ist es das Sich-Automatisch-Verbinden (vor allem mit Leidvollem), das Helfen-Wollen und das Entlasten-Wollen, was genau unter die Lupe genommen werden muss.

  • Und im sensitivem Bereich ist das Ankommen im physischen Körper sehr hilfreich und das verstärkte wahrnehmen des ‚Eigenen‘ notwendig, um besser abgegrenzt sein zu können.

Wir Menschen existieren natürlich in all diesen Bereichen. Wir sind geistig, seelisch und körperliche Wesen. Jeder Mensch fühlt sich jedoch zu ein bis zwei Bereichen besonders stark hingezogen, hält sich dort mehr auf. Das, was wir da bevorzugen, scheinen wir Menschen als Prägung bereits mitzubringen. Bei Kindern kann ich das oft ganz deutlich wahrnehmen.

Voraussetzung ist, es gibt etwas Belastendes in der Familie …

In Familien, in denen negative Gefühle und Traumatisierungen abgespalten, verdrängt, nicht verarbeitet und tabuisiert werden, können diese von den nachfolgenden Generationen mitgetragen werden. Abzuspalten und zu verdrängen ist für viele Menschen jedoch absolut lebensrettend und trägt zur Stabilisierung des Menschen bei. Schicksale müssen nicht verarbeitet werden. Viele traumatisierten Menschen tragen ihr schweres Schicksal mit viel Kraft und Lebenswille bis ins hohe Alter. Für die Nachkommen ist nur wichtig zu wissen: egal, was in meiner Familie passiert ist, ich bin in erster Linie dafür verantwortlich, ob mich schweres Schicksal aus der Familie belastet oder nicht.

Wir wollen von Natur aus Verbundenheit und suchen diese von Anfang an natürlich bei unseren Eltern. Fälschlicherweise identifizieren wir uns dann oft mehr mit dem, was nicht zu uns gehört, anstatt mit uns selbst. Durch das Erkennen der Verstrickung, über die Disidentifikation des ‚Fremden‘ (das, was ich da fühle, bin ich nicht), hin zur Identifikation mit dem ‚Eigenen‘, können wir wieder in ein kraftvolles, freies, gesundes und selbstbestimmtes Leben kommen.

VonJudith Mücke

Fluchtwege – vom Versuch, sich zu entkommen

dscf4552Lenken wir unsere Aufmerksamkeit überwiegend in unser äußeres Leben, dann kann es passieren, dass wir den Kontakt zu uns verlieren. Haben wir die Verbindung zu uns verloren, dann leiden wir, nehmen eine Opferhaltung ein, fühlen uns zunehmend gestresst, überfordern uns, werden müde und depressiv oder reduzieren unser Leben auf ein erträgliches Minimum. Dann kann es uns schwer fallen, Entscheidungen zu treffen, gesund zu bleiben oder innere Stärken zu leben.

Oft kommen Menschen nur durch eine große Not, Krisen oder durch Krankheit wieder in Kontakt mit ihrem Inneren. Eine andere Möglichkeit kann es sein, sich im Alltag freiwillig, immer mal wieder nach innen zu wenden.

Die Türen zur Innenwelt stehen immer offen

Sich seinem Innenleben zuzuwenden, ist im Grunde nicht schwer, denn es gibt keine Hürde, keine Sperre oder irgendein anderes Hindernis auf dem Weg nach Innen. Nur unsere eigene Vermeidung kann uns am Kontakt mit uns selbst hindern.

Der Weg nach Innen ist leicht. Wir lassen erst einmal alle äußeren Aktivitäten sein, suchen einen ungestörten Ort und kommen zu uns. Wir schließen unsere Augen, atmen tief durch und nehmen uns wahr. Wir spüren unsere Körperempfindungen, die unterschiedlichen Gefühle und können nachschauen, was in unserem Kopf so vor sich geht. Entspannen oder lassen uns tief in unseren Körper hinein sinken. Vielleicht nimmt uns jemand mit auf eine innere Seelenbilderreise. Wir können Musik auf uns wirken lassen, visualisieren Farben oder Situationen, lauschen der Stille oder sitzen einfach mit offenen Augen ruhig und aufmerksam da. Vielleicht stellt uns jemand eine Frage, berührt unseren Körper oder wir machen bewusste Körper- und Atemübungen.

All das kann uns helfen, zurück in unser innerstes Seelenleben zu finden. Entweder ganz für uns allein oder zusammen mit der stärkenden und unterstützenden Hilfe anderer Menschen. Intensivere Phasen der Einkehr über mehrere Tage oder in einer Gruppe können sehr hilfreich sein, offen zu bleiben, unsere Wahrnehmung zu schulen und uns in unseren geistig-seelischen Bereichen mehr und mehr zu Hause zu fühlen.

Beängstigend – der Schatten

Der unbewusste Teil unseres Inneren lebt ein zurückgezogenes Schattendasein. Schatten entsteht dort, wo wir den Kontakt zu uns verloren haben. Diesem zu begegnen, kann große Widerstände in uns auslösen. Wenden wir unsere Aufmerksamkeit nach Innen, stoßen wir vielleicht sofort auf Unruhe, diese kann zu unserem Selbstschutz gehören, aber auch auf ein Unvermögen innerer Verarbeitung und auf inneres Leid hinweisen. Wir treffen vielleicht auf viele widersprüchliche innere Anteile. Das können kindliche, trotzige, verurteilende, angriffslustige, zornige oder überhöhte Anteile sein, die alle etwas anderes wollen. In unseren geistig-seelischen Bereichen befinden sich auch die Ursachen vieler körperlicher Beschwerden. Und natürlich all die alten Verletzungen, unerfüllte Sehnsüchte oder längst vergessene Gefühle, wie Schuldgefühle, Verlorensein, Wertlosigkeit, Unverbundenheit, Traurigkeit oder Einsamkeit.

Wir können auch an gewaltige Blockaden stoßen, dort, wo wir große seelische Erschütterungen erlebt haben oder mit denen aus unserer Familie verbunden sind. Es gibt auch Menschen, die innerlich nur Leere wahrnehmen. Leere kann ein Schutz, Selbstverlust oder ein Schock sein und auf emotionale Vernachlässigung hinweisen. Alle Wesenszügen die wir wahrnehmen, ob positive oder negative, brauchen unsere uneingeschränkte Offenheit. Nur so sind wir in der Lage, sie zu integrieren, dann können sie heilen und wir uns freier entfalten.

Beeindruckend – die Sonnenseite

Unser Innenleben hat auch noch eine ganz andere Seite. Wir können viele Fähigkeiten und Begabungen darin entdecken. Vielleicht erleben wir, wie viel Liebe in uns steckt oder dass uns nichts wirklich schockieren kann, weil unsere Seele alt, erfahren und weise ist. Da kann eine große Verantwortungsbereitschaft auftauchen und ein starkes Mitgefühl zu spüren sein. Vielleicht nehmen wir wahr, wie sensibel unser Feingefühl unsere Umgebung abtasten kann, wie kraft- und lustvoll unsere Lebendigkeit ist, wie genau unsere Beobachtungs- und Organisationsgabe ausgeprägt ist, wie intelligent wir Informationen vernetzen können und vielleicht entdecken wir eine zutiefst liebende Verbundenheit mit unseren Mitmenschen. Es kann sich auch ein ausgeprägtes Gespür für Stimmigkeit oder ein intensiver Gerechtigkeitssinn zeigen. Unsere Genussfähigkeit kann von uns gefunden und gelebt werden und unsere Kreativität legen wir ebenfalls durch Selbstbesinnung frei.

Und ganz tief in uns, jenseits vom Denken, Fühlen und jedem körperlichen Ausdruck, existiert unser tiefstes Wesen. Unser Ursprung, die Quelle unseres Daseins und unserer Kraft, reines Bewusstsein, eine intensive uneingeschränkte Energie, die formlos und unvergänglich ist. Da sie das ist, was wir in Wirklichkeit sind, können wir sie nicht verlieren, müssen uns aber auch nicht um sie bemühen. Das Selbst kann sich in dieser Welt nicht manifestieren. Hier, in dieser Welt, wird es immer nur in irgendeiner Form wahrnehmbar sein. In der Form suchen wir oft nach unserem Selbst, doch wir werden es dort nie finden. Im Zustand des Selbstes sind wir das Höchste. Alles ist in uns, doch wir bleiben jenseits davon. Hier endet unsere Reise ins Innere. Das Selbst kann uns berühren, wenn wir bereit sind und dann gehen wir darin vollkommen auf.

Guten Morgen äußere Welt!

Das äußere Leben können wir wie einen Film betrachten, der am Morgen beginnt und am Abend endet. Wenden wir uns diesem Film zu, dann sorgen wir dafür, dass es Frühstück gibt, putzen Zähne, duschen und denken dabei unentwegt vor uns hin, wir hören den Kindern zu, unterhalten uns, arbeiten, gehen einkaufen, halten Haus und Garten sauber, treffen Freunde, machen Sport, fahren von A nach B, wir folgen unseren Ansprüchen und Vorstellungen, funktionieren und erfüllen all die Bedürfnisse und Wünsche, die in uns immer wieder nachwachsen.

Und wenn uns das alles zu viel wird oder wir einfach nur runter kommen wollen, dann zerstreuen wir uns, lenken uns ab, putschen uns auf oder betäuben uns. Wenn unserem Geist-Körper-System unsere Lebensweise zu viel wird, dann versucht es sich durch Krankheit, Zurückgezogenheit, Verdrängung, Ablehnung und Schwere wieder zu stabilisieren. Auf diese Weise entwickeln wir Süchte, Abhängigkeiten und produzieren unbewusst all die inneren und äußeren Zustände, denen wir eigentlich entkommen wollten.

Haben wir Beziehungen, die schwierig und unglücklich verlaufen, dann haben wir nicht gelernt, eine gute tiefe Beziehung zu uns selbst aufzubauen. Automatisch treffen wir dann Menschen, die ebenfalls keine tiefere Bindung zulassen können. Zudem projizieren wir unseren Schatten auf den Gegenüber und bekämpfen oder lehnen ihn im Anderen ab. Oft versuchen wir in unseren Beziehungen etwas zu bekommen, das uns fehlt. Doch dafür sind Beziehungen nicht geeignet. Denn wenn ein Mensch versucht, den Mangel eines anderen zu beseitigen, dann geht er weg von sich oder opfert sich auf. Wenn wir aufgefüllt oder vervollständigt werden wollen, dann hilft nur die Verbundenheit zu uns selbst. Wenn wir andere auffüllen oder vervollständigen wollen, dann ist das ebenfalls ein Zeichen dafür, dass uns die Verbindung zu unserem Inneren abhanden gekommen ist.

Benutzen wir unser äußeres Leben, um unserem Innenleben zu entkommen, dann geht es uns irgendwann schlecht und wir werden krank, weil wir uns immer weiter von unserer Lebenskraft entfernen. Wenden wir uns regelmäßig bewusst unserem Inneren zu, dann werden wir selbstbewusster, konzentrierter, leben gesünder, sind fürsorglicher mit uns und lösen Probleme nachhaltig, und zwar: von innen nach außen. Wenn wir nicht mehr fliehen, ausweichen oder uns fürchten müssen, dann können wir uns als Quelle wunderbarer Kräfte wahrnehmen. Dann sind Beziehungen für uns die Gelegenheit, uns mit uns selbst zu befassen, um Abgetrenntes zu integrieren, etwas zu lernen, zu reifen und den Weg zu unserem Selbst frei zu räumen. Dann dient uns unser äußeres Leben dazu, unsere Fähigkeiten und Begabungen weiterzugeben, wodurch sie immer intensiver werden, uns erfüllen und uns andauernd aufs Neue bei uns ankommen lassen.

VonJudith Mücke

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar (Fallbeispiele)

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Fallbeispiele aus dem Jahr 2013

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