Einsamkeit

VonJudith Mücke

Einsamkeit

dscf6585Wenn ich Menschen wahrnehme, dann spüre ich sehr oft das Gefühl der Einsamkeit. Tief aus unserer Gefühlswelt, dem Inneren Kind, steigt sie auf und kann plötzlich unsere ganze Persönlichkeit für sich einnehmen. Egal, ob wir gerade allein auf dem Sofa sitzen, frisch getrennt oder verliebt sind, mit Freunden unterwegs oder mit der ganzen Familie um den Weihnachtsbaum tanzen. Einsamkeit kann immer und überall ausgelöst werden.

Einsamkeit ist eine alte Erfahrung, die wir meist gut kennen und der wir gern ausweichen. Sie wohnt in uns, sie gehört zu uns und wenn sie über uns kommt, dann fühlt es sich so an, als wären wir von allen anderen Menschen vollkommen abgetrennt. Es ist ein Gefühl von Isolation, so, als hätten wir jede Verbindung verloren. Wir können uns dabei entweder hilflos und verlassen fühlen oder uns selbst als zutiefst verschlossen und unzugänglich wahrnehmen.

Einsamkeit ist ein Gefühl, welches in früher Kindheit entsteht, meist, wenn die Bindung zu den engsten Bezugspersonen irgendwie gestört war. In dieser Störung war entweder der Erwachsene nicht zugänglich oder das Kind hat sich abgekapselt.

Kinder sind in der Bindung zum Erwachsenen komplett abhängig.

Es reicht oft schon, dass der Erwachsene einfach nur viel zu tun hat und schon kann sich Einsamkeit in der Kinderseele einnisten. Da viele Eltern selber eine Grundeinsamkeit in sich tragen, können sie die Einsamkeit ihres Kindes nicht wahrnehmen und ihnen deshalb auch nicht helfen. Auch durch die Geburt von Geschwistern, viel Arbeit, seelischen Belastungen, Dauerstress oder innere Abwesenheit beim Erwachsenen, kann sich Einsamkeit im Kind ausbreiten.

Die meisten Kinder tragen all die vielen bindungslosen Momente liebend und geduldig mit, bis sich ein bleibendes Gefühl von Einsamkeit in die Seele eingewoben hat. Wenn das Kind dann Aufmerksamkeit und Liebe bekommt, kann es diese nur schlecht in sich aufnehmen, denn Einsamkeit ist wie eine seelische Vernarbung. Und so kann es kommen, dass ein Kind sich, selbst in der warmen Umarmung seiner Eltern, einsam fühlt.

Andere Kinder fühlen sich einsam, weil sie sich selber von den Eltern abkapseln. Oft stimmt hier einfach die Chemie in der Beziehung zum Erwachsenen nicht. Das Kind erlebt seine Eltern als lieblos, als zu laut, als demütigend und übergriffig. Es fängt an, sich zu schützen, indem es sich unberührbar macht, nichts mehr an sich heran lässt und sich innerlich verschließt. Dass sind die Kinder, die ganz steif werden, wenn man sie umarmen oder trösten will, solche, die nicht mehr zuhören und lieber allein sein wollen. Hat sich dieser Selbstschutz in ihrer kleinen Persönlichkeit erst einmal verfestigt, dann können sie ihn selber nicht mehr regulieren. Diese Kinder sitzen einsam und traurig in ihrer Schutzkapsel und niemand kommt mehr an sie heran. Obwohl der Schutz einst dem Negativen galt, hält er nun auch das Positive vom Kind fern.

Wenn Einsamkeit im Erwachsenenalter fühlbar wird, dann kann folgendes hilfreich sei:

Reden – ein liebe- und verständnisvolles Gespräch mit der Einsamkeit wirkt Wunder. Dafür kann man sich einen ruhigen Ort suchen, die Einsamkeit spüren und sie ansprechen, als wäre es ein kleines Mädchen oder ein kleiner Junge und sagen: „Ich kann spüren, wie einsam du dich fühlst. Es tut mir leid, dass du so allein damit bist. Du bist noch so klein und solltest nicht allein sein. Ich will mich um dich kümmern. Ich liebe dich und bin jetzt für dich da.“ Diese Worte können das Gefühl der Einsamkeit vorerst verstärken und Traurigkeit fühlbar werden lassen. Dies ist jedoch in Ordnung, denn wir beginnen, uns intensiver zu fühlen und das verstärkt das Unwohlsein vorübergehend. Durch eine regelmäßige verbale Verbundenheit löst sich Einsamkeit auf.

Fühlen – wird Einsamkeit für uns fühlbar, dann kann ein intensives waches absichtliches Hineinfühlen, uns erfahren lassen, was Einsamkeit wirklich ist: ein altes Gefühl aus unserer Vergangenheit, dass wir einfach nur noch nicht verarbeitet haben. Fühlen wir ganz bewusst unsere Einsamkeit, dann werden wir wahrscheinlich auch der Angst vor diesem Gefühl begegnen. Und vielleicht fühlen wir auch noch Traurigkeit. All diese Gefühle ganz klar und deutlich zu spüren, natürlich nur so lange, wie wir uns sicher und wohl fühlen, kann diese Stück für Stück auflösen. Alte Gefühle sind in der Regel sehr unangenehm und normalerweise vermeiden wir es, sie intensiver zu fühlen. Durch das willentliche und geistig wache Hin-Fühlen, kann sich jedes Gefühl in Liebe, Freude oder inneren Frieden wandeln. Es ist die geistige Haltung: „Ich bin bereit dich zu fühlen – Einsamkeit. Du gehörst zu mir. Wenn ich dich deutlich fühle, dann erlöse ich dich. Immer wieder werde ich dir klar und wach begegnen, bis du vollkommen verwandelt bist.“

Berührung – Einsamkeit ist das Gegenstück zur Unverbundenheit. Während kommunikative Menschen gern durch Gespräche in die Verbindung gehen, emotionale sich tief fühlen und erfahren wollen, hilft es den körperlich-bodenständigen Menschen, ihre Einsamkeit zu heilen, indem sie körperlichen Kontakt haben. In diesem Kontakt sollte unbedingt beachtet werden, dass dieser vollkommen absichtslos ist. Umarmungen, sich lange im Arm liegen oder auch miteinander tanzen, können wunderbare Formen heilsamer Begegnung sein. Absichtslose Umarmungen sehen so aus, dass keiner von dem anderen etwas will. Es gibt niemanden, der etwas braucht und haben will und es gibt niemanden, der dem anderen etwas gibt. Je neutraler die innere Haltung ist, desto mehr Heilung geschieht. Immer, wenn wir uns durch Körperlichkeit etwas ‚holen‘ wollen, verhindern wir unbewusst Empfänglichkeit. Immer, wenn wir in der Körperlichkeit absichtlich etwas ‚geben‘ wollen, verhindern wir unbewusst tiefe Verbundenheit. Ein sehr hohes Maß an Heilung ist möglich, wenn physische Körper ganz absichtslos und innig beieinander sein können.

Über den Autor

Judith Mücke editor

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