Hochsensibilität

VonJudith Mücke

Hochsensibilität

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In meinem Praxisalltag begegnen mir immer wieder Menschen, die ein besonders offenes Wesen haben, welches ihnen unter Umständen sehr viel Schwierigkeiten bereiten kann. Wenn ich diese Menschen wahrnehme, dann erlebe ich in ihrem Geist und/oder in ihrer Gefühlswelt eine außergewöhnliche Offenheit.

Der Schatten einer solchen Offenheit ist der, dass eine große Offenheit im Geist, eine leichte Beeinflussbarkeit im Denken zur Folge haben kann. Eine hohe Sensibilität im Gefühl, eine hohe Empfindsamkeit nach sich zieht, zu Störungen im sozialen Verhalten führen kann, bis hin dazu, dass durch jahrelange seelische Überflutung mit fremden Gefühlen, Krankheiten entstehen können.

Hochsensibilität kann geistig, seelisch und körperlich sein. In diesem Artikel geht es um die geistige und seelische Hochsensibilität, wie ich sie während meiner Wahrnehmungsarbeit bei anderen Menschen erlebe. Teilen wir einen Menschen in zwei Ebenen: Verstand und Gefühl, dann ist es möglich, jede einzelne Ebene ganz konkret wahrzunehmen. Die geistige Verstandesebene ist unsere Erwachsenenebene, die seelische Gefühlsebene bezeichnet man auch als inneres Kind.

Diese beiden Ebenen sind entweder offen und weit, also hochsensibel, oder festgelegt und klar umrissen. Das können wir Menschen uns nicht aussuchen. Entweder wir haben von Natur aus ein geistig offenes oder ein geistig festgelegtes Wesen. Auf der Gefühlsebene ein emotional empfängliches oder ein ausstrahlendes Wesen. Gut ist hier, wenn wir über unser Wesen ein Bewusstsein entwickeln, denn das kann uns im Leben viel Leid ersparen.

Menschen, bei denen die Gefühlsebene offen ist, werden meist als hochsensibel bezeichnet. Sie sind sehr anfällig für seelische Krankheiten, wie Angststörungen, Psychosen, Depressionen, ADHS und auch für Zwänge. Menschen, dessen Geist besonders offen ist, werden als geistig flexibel, rege und als klar wahrgenommen. Sie neigen unter widrigen Umständen zu neurotischen Störungen, Verfolgungswahn, zu geistigen Überhöhungen oder Abgehobenheit.

Hochsensibilität auf der Ebene des Geistes, des Denkvermögens und des Verstandes bedeutet, dass Menschen einen sehr offen und weiten Geist haben. Ihre Auffassungsgabe ist enorm und sie haben viel Interesse an neuen geistigen Inspirationen. Zu enge Sichtweisen und zu starr festgelegte geistige Strukturen und Meinungen empfinden diese Menschen als langweilig, beschränkt und einengend. Sie wollen in den geistigen Weiten unterwegs sein, lieben neue frische innovative Gedanken und einen regen Austausch.

So ein offener Geist kann viel leichter von außen manipuliert werden. Meinungen, Ideologien und Theorien werden problemlos aufgenommen werden und dann die geistige Offenheit verstellen und blockieren. Geistig offene Menschen neigen außerdem dazu, ihren Geist permanent zu füttern, was dazu führt, dass sie sich ständig mit irgendwelchen Themen auseinander setzen oder als wandelndes Lexikon unterwegs sind, einfach nur, um auf dieser Ebene zur Geltung zu kommen, um jemand zu sein. Ohne dies würden sie wahrnehmen, dass ihr Geist weit und leer ist. Dies zu erleben, ohne zu wissen, dass diese weite Leere ein natürlicher Zustand ist, kann verunsichernd und verwirrend sein. Dann kommt es oft vor, dass sie sich als dumm, geistig unbeständig und als wankelmütig selbst abwerten, doch in Wirklichkeit ist ihr Geist weit offen und sehr aufnahmefähig. Er kann viele verschiedenen Wahrheiten nebeneinander stehen lassen und mag es nicht, sich festzulegen, da dies einfach nicht seiner Natur entspricht. Der festgelegte Geist, im Gegensatz zum offenen Geist, bewegt sich in feststehenden, geregelten und entschiedenen geistigen Strukturen, die in der Regel auch nicht verlassen werden. Ein festgelegter Geist ist ebenfalls ein natürlicher Zustand. Er gibt immer etwas vor, grenzt ein und ab. Eine Meinung wird höchstens durch eine andere ausgetauscht. Das FestgelegtSein ist dessen Natur.

Hochsensibilität auf der geistigen Ebene heißt: dort zu Hause zu sein, wo der Geist empfänglich, offen, leer und weit ist. Jemand mit solch einem Geist, kann seine geistige Leerheit entdecken und erleben, dass aus dessen Tiefe ungeahnte Weisheit aufsteigen kann.

Hochsensibilität auf der Ebene der Gefühle bedeutet, dass ein Mensch eine sehr offene, ausgedehnte, weite und aufnahmefähige Gefühlswelt besitzt. Ich bezeichne solche Menschen auch gern als “emotionale Staubsauger”. Sie spüren meist die Gefühle anderer Menschen und die Atmosphäre um sich herum deutlicher, als sich selbst. Leider haben sie auf der Ebene der Gefühle keine Grenzen, so dass außen immer gleich innen ist. In der Gegenwart anderer Menschen oder durch seelische Verstrickungen mit der Familie, verlieren sie ihr Gefühl für die eigenen Bedürfnisse und können sich nicht mehr am eigenen Gefühl orientieren, bis dahin, dass sie ihre eigene Identität verlieren.

Solche Menschen lieben den Rückzug und meiden instinktiv Menschenmassen. Sie sind in Gruppen schnell überlastet und überfordert. In der Natur fühlen sie sich wohl, da die aufbauende und nährende Energie eines Waldes oder einer Wiese ihnen besonders gut tut. Hochsensible Menschen können große Ladungen fremder Gefühle in sich aufnehmen, was in ihnen enormes Unwohlsein und Ängste auslösen kann. Gibt es in der Familie Traumatisierungen, die nicht verarbeitet wurden, dann haben Hochsensieble diese in der Regel in sich drin, fühlen sich psychisch gestört oder müssen mit viel Mühe

Hochsensible Kinder nehmen all die Gefühle, die ihre Eltern unterdrücken, automatisch in sich auf, schreien, weinen und toben über Jahre hinweg und keiner weiß, was mit ihnen los ist. Sie haben keine Wahl. Das, was andere Menschen emotional ausstrahlen, wird von ihnen empfangen. Deshalb ist es für hochsensible Erwachsene wichtig, dass sie sich mit Menschen umgeben, die nicht all zu gestört, die authentisch und freundlich sind. Hochsensible Menschen erlebe ich oft als eher unemotional. Der stille weite See ihrer Gefühlswelt zeigt nur wenig Wellen. Sie sind emotionale Empfänger. Ist ihnen dies nicht bewusst, dann halten sie sich für falsch und denken, dass sie viel gefühlvoller sein müssten. Zudem können sie annehmen, sie seien seelisch gestört, wenn sie mit fremden Gefühlen identifiziert sind und diese immer wieder heraus weinen oder schreien. Da sie andere Menschen häufig nicht ertragen können, weil sie deren Gefühle und Ausstrahlungen zu stark empfangen, greifen sie auch gern zu Drogen, um ihre Ruhe zu haben und besser entspannen zu können.

Auf dieser Ebene so offen und empfänglich zu sein bedeutet, dass man immer genau spürt, wie die Atmosphäre im Raum ist und wie es anderen Menschen geht. Hat die Person jedoch kein Bewusstsein über ihr Wesen, dann ist diese Begabung mehr ein Fluch, als ein Segen.

Beide Formen der Hochsensibilität können komplett verstellt sein, so dass die Person nicht wahrnehmen und erleben kann, wie weit, offen und empfänglich sie eigentlich ist. Auf der geistigen Ebene können sorgenvolle Grübeleien, Organisationszwänge, Informationsfluten, Ideologien, Überzeugungen aus dem Umfeld und zu viel Kommunikation den weiten kreativen Geist verstellen. Auf der seelischen Ebene können eigene Traumatisierungen und seelische Verletzungen, unverarbeitete Trennungen und fremde Gefühle, die für die Eigenen gehalten werden, die von Natur aus weit ausgedehnte Seele blockieren und belasten.

Über den Autor

Judith Mücke administrator

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