Symbiose – Belastet durch Verbundenheit

VonJudith Mücke

Symbiose – Belastet durch Verbundenheit

Symbiose

Von Menschen, die symbiotisch sind, höre ich oft folgende Sätze:

  • Ich bin schon lange nicht mehr ich selbst.

  • Ich kann mich nicht fühlen.

  • Ich verliere mich in den Beziehungen zu anderen Menschen.

  • Wer bin ich eigentlich?

  • Ich kann mich nur schwer abgrenzen.

  • Kümmere mich immer um Andere.

  • Ich habe die Diagnose: Depression, Psychose, ADHS, manisch-depressiv …

  • Ich fühle andere immer mehr als mich.

  • Ich sehne mich danach, ich selbst sein zu können.

  • Ich leide unter der schlechten Verfassung (krank sein, süchtig sein, depressiv sein, hyperaktiv sein …) meiner Mitmenschen.

  • Ich fühle mich schwer, müde, handlungsunfähig und belastet, kann nicht aufhören zu weinen, bin nervös, schnell wütend, kann nicht schlafen, kann mich nicht entspannen …

  • Ich brauche Drogen oder Medikamente, um mich gut fühlen zu können.

In einer Symbiose verbinden wir uns mit dem unverarbeiteten Schicksal unserer Eltern, Großeltern oder einer anderen nahestehenden Person. Wir identifizieren uns mit ungelösten Gefühlen, erleben dann das ‚Fremde‘ (fremde Gefühle) als unser ‚Eigenes‘. Das ‚Fremde‘ nimmt den Platz unserer eigenen Gefühle ein, es überlagert sie ganz oder teilweise. Als Reaktion darauf, werden wir, je nach Temperament: schwer, handlungsunfähig, unsicher, unruhig, gereizt oder wütend. Unverarbeitete Gefühle, wie Trauer, seelischer Schmerz, Angst, Schock, Sog ins Jenseits, Schamgefühle, Schrecken oder Entsetzen (auch ein Gemisch aus diesen Gefühlen), können hier eine Rolle spielen. Diese Gefühle wurden von unseren Vorfahren nicht verarbeitet, sondern verdrängt, abgespalten oder tabuisiert. Menschen, die symbiotisch sind, verbinden sich meist unbewusst mit diesen Gefühlen und nehmen sie in sich auf.

Was ist was? – Gefühle unterscheiden lernen:

Auf der Ebene der Gefühle können wir uns das so vorstellen: wir stehen oder schwimmen in einem klaren Waldsee. Normalerweise finden wir in diesem klaren Gewässer unsere persönlichen Gefühle. Diese Wasserwesen schwimmen vorbei oder hängen an uns dran. Da gibt es vielleicht einen dicken grauen Traurigkeits-Fisch, der auf unserer Schulter sitzt, weil wir uns nach Liebe und Verbundenheit sehnen. Vielleicht grummeln auch Wut-Haie vorbei, wenn die Dinge nicht so laufen, wie sie sollen. Auch fiese Verletztheits-Würmer können uns anspringen und uns mit ihren Widerhaken kratzen. Und Schuld-Quallen pfropfen sich liebend gern auf unser Herz. Aber auch Scham-Schlangen wickeln sich gern um unseren Bauch. Vielleicht hängt auch ein Trägheits-Rochen an unserem Bein. … All diese eigenen Gefühle sind für uns handhabbar und gut auszuhalten. Spüren wir sie, dann wissen wir meistens auch, warum sie da sind. Wenn wir sie festhalten, dann werden sie größer und anhaltend fühlbar. Lassen wir sie einfach da sein, dann kommen und gehen sie von allein. Kümmern wir uns verantwortungsvoll um sie, dann verwandeln sie sich in Liebe, Frieden und Lebendigkeit. … ‚Eigene‘ Gefühle sind für uns tragbar und gut zu verarbeiten. Kommen starke fremde Gefühle in unseren kleinen Waldsee, dann ist es so, als würde sich ein dicker psychisch gestörter schrecklicher Wal dort breit machen. Da gibt es dann kaum noch Platz für eigenen Gefühle, geschweige denn die Weite für Offenheit und Liebe. Wir sind dann unentwegt einer subtilen ungreifbaren Bedrohung ausgesetzt. Das macht uns gereizt, müde, taub oder dumpf und führt zu einer ständigen Überforderung …

Solange nicht erkannt und gefühlt werden kann, was das ‚Eigene‘ und was das ‚Fremde‘ ist, kann der Mensch keine Erleichterung und Heilung finden. Wenn das ‚Fremde‘ erkannt und abgelöst wurde, kann derjenige wieder zu sich selbst werden, frei und selbstbestimmt leben.

Aktive und passive Symbiose:

Ich unterscheide bei den Symbiosen zwei Formen: die aktive und die passive Form.

Bei der aktiven Form haben wir viel Empathie, Liebe und Mitgefühl für unsere Mitmenschen. Wir wollen helfen, für andere da sein, sie unterstützen und können es kaum ertragen, wenn die Menschen, die wir lieben, leiden. Unbewusst (auf der innere Kind-Ebene) klammern wir uns mit unsichtbaren Seelenarmen um den Schmerz eines Elternteils oder halten dessen verwahrlostes trauriges gestörtes und verzweifeltes inneres Kind im Arm. Wir halten das Schwere und Tragische fest, mit der Absicht, Mama oder Papa zu entlasten. Unsere Lieben sollen nicht allein sein mit ihrem leidvollen Schicksal. Wie eine schwere Tasche, an die wir mit anfassen, halten wir es fest, so dass es für den anderen leichter wird. Bei dieser Art der Symbiose, gibt es eine klare Motivation: wir wollen behilflich sein und entlasten, weil wir spüren können, wie schwer, leidvoll oder belastend es für Mama oder Papa ist, was sie/er dort mit sich herum trägt.

Bei der passiven Form, ist es etwas anders. In der normalen natürlichen seelischen Verfassung sind diese Menschen sehr sensibel, offen, neugierig, interessiert und weit. Sie spüren die Atmosphäre um sich herum, als wäre sie ‚in ihnen drin‘ und jede emotionale Regung, jeden Umschwung und jede Veränderung in dieser Atmosphäre nehmen sie ‚in sich‘ wahr. Sie nehmen die Stimmungen in sich auf, wie die Luft beim Einatmen. Eine ausgeprägte Grenzenlosigkeit auf der Ebene der Emotionen ist hier zu finden. Für sie ist es grundsätzlich schwierig, das ‚Fremde‘ vom ‚Eigenen‘ zu unterscheiden. Wurde in der Familie eines solchen Menschen, Trauer, Traumata oder Schmerz nicht verarbeitet, dann ist es bei einer passiven Symbiose so, dass diese Gefühle wie selbstverständlich aufgenommen werden, einfach weil sie in der Atmosphäre liegen. So wie Rauch eingeatmet werden muss, wenn er in der Luft liegt.

Alle ADS/ADHS Kinder, deren seelische Verfassung ich untersucht habe, waren symbiotisch mit einem Elternteil. Deshalb werden die Symptome in der Pubertät oft besser, weil sie da in der Lage sind, ihre seelische Belastung besser zu kompensieren, zu kontrollieren oder abzuspalten.

Was tun?

Menschen, die symbiotisch sind oder es ständig werden, können folgendes tun:

  1. Erkenne/spüre, mit wem du seelisch verbunden bist (in meiner täglichen Praxis spüre ich diese Verbindungen für meine Klienten mit meiner Wahrnehmung auf)

  2. Löse dich von dem fremden Schicksal (dafür habe ich tief gehende Rituale entwickelt)

  3. Werde zu dir selbst (dafür habe ich integrative Rituale entwickelt)

  4. Lerne, dich abzugrenzen (das kann man üben)

Da Kinder sich nicht auf diese Weise helfen können, weil ihre Persönlichkeit noch nicht entsprechend entwickelt ist, ist es hier wichtig, heraus zu bekommen, mit welchem Elternteil das Kind symbiotisch ist (das kann man wahrnehmen). Dieser kann dann an seinem Trauma, Schmerz usw. oder an seinem eigenen symbiotischen Verhalten arbeiten, um das Kind zu entlasten. (Auf diese Weise habe ich inzwischen mit einigen Eltern gearbeitet und die Kinder wurden ruhiger, konzentrierter, gesünder und wieder mehr sie selbst.)

Von Natur aus miteinander verbunden …

Das Wort ‚Symbiose‘ bedeutet: zusammen leben. Das hört sich ganz harmlos an. In unserem Alltag können wir ‚zusammen leben‘, ohne uns mit dem Schicksal anderer Menschen zu belasten. Das würden wir im psychologischen Sinne jedoch nicht als Symbiose bezeichnen. Das Zusammen-Leben ist auch nicht die Voraussetzung für eine Symbiose. Ich habe schon mit Menschen gearbeitet, die einen Elternteil in jungen Jahren verloren haben und trotzdem seelisch mit dessen Schicksal verwoben und dadurch beschwert waren, einfach weil sie dem Elternteil nah sein wollten.

Ich würde sagen, dass die Ursache von belastenden Symbiosen in unserer eigenen Natur liegt. Wir Menschen haben tief in uns eine natürliche Verbundenheit miteinander. In unserer Familie ist diese besonders stark ausgeprägt, jedoch zieht sich diese Verbundenheit in Wirklichkeit über die ganze Menschheit hinweg. Miteinander verbunden zu sein, ist unserer natürlicher Zustand. Erst unsere Persönlichkeit sorgt dafür, dass wir uns als getrennt von den anderen Menschen wahrnehmen und erleben. Unsere Persönlichkeit identifiziert sich, sie ist jemand, sie hat Überzeugungen, eine Geschichte, Erfahrungen, Vorlieben, Abneigungen, Prägungen, Überlebensstrategien, Schutzmechanismen, Absichten, Motivationen, Abspaltungen und Bewertungen. Das macht uns zu einer konditionierten gefestigten Persönlichkeit.

Um jedoch frei, gesund und selbstbestimmt sein zu können, braucht unsere Persönlichkeit oft einen Wandlungsprozess, der ihr hilft, in ihre natürliche Form zu kommen. Hier werden Symbiosen gelöst, alte Gefühle und Traumata geheilt, Überzeugungen in Frage gestellt und sich auf die Suche nach dem ganz ‚Eigenen‘ gemacht.

Warum werden manche Menschen (Kinder) symbiotisch und sind belastet und andere nicht?

Wer mehrere Kinder hat, der weiß aus eigener Erfahrung, dass jedes Kind anders ist. Das eine hat ein großes Herz und spürt alles, das andere ist sehr sensibel und spürt noch mehr und dann gibt es da eins, das ist so bei sich, dass die Gefühle anderer oder die Atmosphäre keinen großen Einfluss zu haben scheinen. Das sind die bodenständigen Kinder, die, mit der guten Verbindung zum Physischen. Für sie ist essen, schlafen und Körperkontakt sehr wichtig.

Wenn wir durch symbiotisches Verhalten belastet sind, dann bringen wir meist entsprechende Neigungen mit, die dies begünstigen:

  • Liebende Menschen wollen mit allem um sich herum gut fürsorglich und liebend verbunden sein. Sie erleben sich und ihre Umwelt aus dem Herzen, aus den Gefühlen heraus.

  • Sehr sensible Menschen erleben sich und ihre Umwelt aus ihrer Sensibilität und aus einer feinen Wahrnehmung heraus. Sie haben eine gute Verbindung zu den feinen geistigen Bereichen, die nicht nur Gefühle, sondern auch feinste Schwingungen und Informationen selbstverständlich mit einbeziehen.

  • Bodenständige Menschen erleben sich und ihre Umwelt vor allem aus der körperlich-handelnden Perspektive heraus und sind dadurch am wenigsten anfällig für Symbiosen.

Für Menschen, die symbiotisch sind, ist es wichtig, abgegrenzter zu sein:

  • Im körperlichen Bereich ist es am klarsten, denn dieser Bereich ist von Natur aus getrennt.

  • Im emotionalen Bereich ist es das Sich-Automatisch-Verbinden (vor allem mit Leidvollem), das Helfen-Wollen und das Entlasten-Wollen, was genau unter die Lupe genommen werden muss.

  • Und im sensitivem Bereich ist das Ankommen im physischen Körper sehr hilfreich und das verstärkte wahrnehmen des ‚Eigenen‘ notwendig, um besser abgegrenzt sein zu können.

Wir Menschen existieren natürlich in all diesen Bereichen. Wir sind geistig, seelisch und körperliche Wesen. Jeder Mensch fühlt sich jedoch zu ein bis zwei Bereichen besonders stark hingezogen, hält sich dort mehr auf. Das, was wir da bevorzugen, scheinen wir Menschen als Prägung bereits mitzubringen. Bei Kindern kann ich das oft ganz deutlich wahrnehmen.

Voraussetzung ist, es gibt etwas Belastendes in der Familie …

In Familien, in denen negative Gefühle und Traumatisierungen abgespalten, verdrängt, nicht verarbeitet und tabuisiert werden, können diese von den nachfolgenden Generationen mitgetragen werden. Abzuspalten und zu verdrängen ist für viele Menschen jedoch absolut lebensrettend und trägt zur Stabilisierung des Menschen bei. Schicksale müssen nicht verarbeitet werden. Viele traumatisierten Menschen tragen ihr schweres Schicksal mit viel Kraft und Lebenswille bis ins hohe Alter. Für die Nachkommen ist nur wichtig zu wissen: egal, was in meiner Familie passiert ist, ich bin in erster Linie dafür verantwortlich, ob mich schweres Schicksal aus der Familie belastet oder nicht.

Wir wollen von Natur aus Verbundenheit und suchen diese von Anfang an natürlich bei unseren Eltern. Fälschlicherweise identifizieren wir uns dann oft mehr mit dem, was nicht zu uns gehört, anstatt mit uns selbst. Durch das Erkennen der Verstrickung, über die Disidentifikation des ‚Fremden‘ (das, was ich da fühle, bin ich nicht), hin zur Identifikation mit dem ‚Eigenen‘, können wir wieder in ein kraftvolles, freies, gesundes und selbstbestimmtes Leben kommen.

Über den Autor

Judith Mücke administrator

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