Wer bin ich? Identifikationen und Überidentifikationen

VonJudith Mücke

Wer bin ich? Identifikationen und Überidentifikationen

DSCF8686Wir Menschen wollen dazu gehören und abgegrenzt sein. In diesem Spannungsfeld entwickeln wir im Laufe unseres Lebens ganz persönliche Identifikationen.

In Beziehungen und in Gruppendynamiken spüren wir diese Spannungen besonders. Sie können sich als Angespanntheit, Unbehagen oder auch Hoch- und besondere Glücksgefühle zeigen.

Eine Identifikation kann als eine immer wiederkehrende Art und Weise beschrieben werden, zu sein, zu regieren, zu erleben und sich selbst zum Ausdruck zu bringen.

Durch unsere Identifikationen sind wir wer. Wir unterscheiden uns von anderen oder erleben uns als zugehörig. Wir können dadurch Individualität und Abgegrenztheit empfinden.

Unsere Fähigkeit, uns zu identifizieren, kann jedoch auch Ausmaße annehmen, die uns und auch anderen das Leben schwer machen.

  • Sich beispielsweise mehr für das Glück und das Wohl eines erwachsenen Menschen zuständig zu fühlen, als für das eigene, wie das in manchen Familien üblich ist, ist eine Identifikation, die zu starken Konflikten und zur Übernahme fremder Gefühle führen kann.

  • Auch unverhältnismäßige Identifikationen mit Freiheit und Unabhängigkeit kann dazu führen, dass wir irgendwann ganz allein da stehen, da wir alles und jeden (uns eingeschlossen) auf Abstand halten.

  • Das Eins-werden, eine übermäßige Identifikation mit einem geliebten Menschen oder einer Person in der Familie, kann ein direkter Weg in die Selbstaufgabe sein.

  • Sehr verbreitet sind auch Überidentifikation mit der Arbeit, die oft mit hohen Ansprüchen einher gehen und in Schmerzen sowie im Ausgebrannt-Sein enden.

  • Aber auch übertriebenes Eins-sein mit spirituellen Ebenen oder ungesunde Formen, den Körper zu gestalten, gehören zu den Überidentifikationen.

  • Und auch die virtuellen Welten eignen sich, unsere Genussmittel oder politische sowie religiöse Anschauungen.

In Grunde können wir mit allem so sehr eins werden, dass von uns kaum noch etwas übrig bleibt.

Aus welchen Gründen wir auch immer zu Überidentifikationen neigen, sie bringen uns mit der Zeit aus dem Gleichgewicht und wir zahlen unentwegt einen Preis dafür. Das können Krankheiten, Konflikte, Selbst- und Identitätsverlust, nicht das eigene Leben leben können, Verunsicherung und Belastung unserer Kinder, Autonomieverlust, aber auch einfach nur ein schlechtes Lebensgefühl und vieles andere mehr sein.

In meiner Arbeit begegne ich vielen Identifikationsformen, die die Menschen allein dafür entwickelt haben, um einfach irgendwie im Leben klar zu kommen, um zu überleben, um nicht verrückt zu werden, um durchhalten zu können, um das Leben und sich selbst ertragen zu können oder um sich selber so zu begrenzen, dass ein Leben überhaupt möglich ist.

Diese Formen sind immer direkte Reaktionen auf großes Leid, familiäre Belastungen – auf Traumata. Sie sichern im Grunde das Überleben einer Person. Sie bewachen und schützen sie. Dazu gehört auch das Verdrängen, dass es einem eigentlich schlecht geht und die Abwehr, sich selbst zu fühlen. Durch starke Selbstkontrolle und das kontrollieren der Mitmenschen, wird eine Illusion von Sicherheit erzeugt, die jedoch sehr kräftezehrend sein kann. Sich innerlich verstecken und schnell wütend werden, gehören ebenfalls zum Schutzprogramm eines seelisch überlasteten Menschen.

Zu unseren Identifikationen stehen wir, nach dem Motto: „So bin ich eben.“ Wir sind im Laufe unseres Lebens mit ihnen eins geworden. Wir haben uns festgelegt und uns definiert. Sie drängen in uns nach Wiederholung und bleiben so lebendig.

Wenn ich Menschen stellvertretend wahrnehme, dann spüre ich, ob jemand sich natürlich verhält oder sich in ungewöhnlichen und zwanghaften Mustern oder Eigenschaften bewegt. Dann zeige ich meinen Klienten, wie ihre natürlichen Formen sind, die von den unnatürlichen Formen immer nur überlagert werden, nie völlig verschwinden.

Lassen wir also bestimmte Verhaltensweisen einfach weg, dann entfalten sich in uns Eigenschaften, in denen wir uns wohl fühlen, weil wir in ihnen zu Hause sind.

Hier ein paar Beispiele dazu:

  • jemand fühlt sich getrieben und für alles und jeden verantwortlich – in der natürlichen Form ist er ruhig und trägt ein großes Verantwortungsgefühl in sich, das vor seinen Mitmenschen ganz natürlich Halt macht

  • jemand ist voller Sorge und Angst, weil er die Not seiner Mitmenschen spürt – in der natürlichen Form hat er viel Herzlichkeit, Wärme und Empathie

  • jemand fühlt sich fest und kontrollierend an – in der natürlichen Form steckt viel Kraft, eine gute Beobachtungsgabe und ein feines Gespür für Echtheit

  • jemand fühlt sich völlig ungeliebt, vernachlässigt und sucht permanent nach Anbindung – in der natürlichen Form ist er liebevoll, aufmerksam und fühlt sich mit allem auf natürliche Weise verbunden

  • jemand steckt voller Spannung und angestauter Wut – in der natürlichen Form ist da ein großer Bewegungsdrang und die Gabe, Unstimmigkeiten klar zu kommunizieren

  • jemand fühlt gar nichts, ist völlig neutral und unberührbar – in der natürlichen Form ist er sehr sensibel und fühlt jede Änderung der Atmosphäre

  • jemand fühlt sich vergeistigt und abwesend an – in der natürlichen Form ist er herzlich, offen und im aufmerksamen Kontakt

  • jemand ist sehr bestimmend, streng und vorantreibend – in der natürlichen Form ist er tatkräftig und hat Lust, Dinge zu bewegen und voran zu bringen

  • jemand ist traurig und will, dass niemand zu nah kommt – in der natürlichen Form ist da ganz viel Lebensfreude, Liebe zu Menschen und Naturverbundenheit

Egal wie wir sind, reagieren und unsere Welt erleben, in uns stecken ganz natürliche, ursprüngliche, authentische, lebendige und echte Verhaltensweisen, die durch keine Konditionierung oder Prägung ausgelöscht werden können. Sie stecken in uns und wenn wir Selbstschutz- und Überlebensmuster aufgeben, dann entfalten sie sich ganz von allein. Wir brauchen uns dann nur noch mit ihnen zu identifizieren, was allerdings nicht immer leicht ist, da die vermeintliche Vertrautheit und die Sicherheit, mit denen uns unsere Muster versorgen, nicht zu unterschätzen sind.

Daher kann es zeitweise sinnvoll sein, beides nebeneinander oder abwechselnd zu leben, die Muster neben den natürlichen Formen, denn so wird der Übergang, zu sich selbst zu werden, erleichtert. Denn oftmals müssen wir erst die Erfahrung machen, dass wir in unserer Natürlichkeit geschützt sind und vor allem, dass wir wunderbar ausgestattet sind, um den Alltag und all unsere Beziehungen, annehmbar und erträglich leben zu können.

Über den Autor

Judith Mücke editor

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