Opferhaltung – ein verbreitetes Rollenverhalten

VonJudith Mücke

Opferhaltung – ein verbreitetes Rollenverhalten

DSCF8660Die Opferhaltung, würde ich sagen, kennen wir alle. Mit dieser Haltung reagieren wir instinktiv auf zahlreiche Situationen in unserem Leben. Sie stellt für mich erst einmal einen Versuch dar, mit etwas klar zu kommen, dass uns aus dem Gleichgewicht zu bringen scheint.

Eine Opferhaltung hat jedoch nichts damit zu tun, dass jemand durch einen Täter oder durch einen Schicksalsschlag zu einem Opfer wird, sondern hier geht es um ein menschliches Rollenverhalten, das wir annehmen können. Dieses Verhalten führt uns jedoch geradewegs aus unserer Eigenverantwortung und es zieht immer nach sich, dass wir uns und andere bestrafen.

Wenn wir uns durch andere Menschen, durch soziale Systeme oder Situationen negativ beeinflusst fühlen, dann kann es sein, dass wir in eine Opferrolle geraten, anstatt ein kreativer Teil des Systems zu bleiben und unseren Teil der Verantwortung in unseren Beziehungen zu leben.

In der Opferhaltung fühlen wir uns machtlos gegenüber äußeren Einflüssen. Während wir diese Haltung einnehmen, unterdrücken wir meistens unsere Wut und unsere Schuldgefühle, was dazu führt, dass wir anderen die Rolle des Täters zuschieben und die Schuld bei ihnen suchen. In der Opferhaltung zeigen wir uns nach außen meist freundlich, doch innerlich sind wir hart mit uns selbst und auch mit anderen. Es ist keine sehr aufrichtige Haltung und wir verbrauchen dabei sehr viel Energie, die wir uns und anderen Menschen rauben.

Oft genügt es, sich darüber klar zu werden, dass wir die volle Macht über unser eigenes Dasein haben, nur wir und kein anderer. Haben wir einem anderen Menschen oder einer Situation Macht über uns gegeben, dann können wir uns fragen: Welchen Nutzen habe ich davon? Die Antwort kann uns dann Aufschluss über unsere tiefer liegende Motivation geben.

Wenn wir uns dazu entschlossen haben, aus der Opferhaltung auszusteigen, dann kehren wir zu mehr Ehrlichkeit und zu unserer Selbstbestimmtheit zurück. Wir hören auf, andere dazu zu benutzen, uns selbst zu begrenzen und zu bestrafen. Dann halten wir wieder Ausschau nach dem, was uns ausmacht, was wir zu geben haben und wir bringen uns wieder in eine Haltung der Selbstachtung und Selbstverantwortung. Wir entdecken wieder all die Möglichkeiten, die wir haben, anstatt auf das zu schauen, was nicht so läuft, wie wir es gern hätten.

Auch unser Gefühl für die eigenen Grenzen und die der anderen wird wieder klarer und es wird leichter, sie einzuhalten. In der Opferhaltung dagegen sind die eigenen Grenzen und die der Mitmenschen meist völlig verschwommen, was zu ständigem Wechsel von Verletzung und Angriff führt.

Es gibt auch Rollenverhalten, das einen massiven Schutz darstellt. Dann ist es gut, sich Hilfe zu holen – wenn es schwer wird, selber aus der Opferrolle auszusteigen, da sich der zugrunde liegende Nutzen lebensnotwendig anfühlt oder die tiefer liegenden Gefühle übermächtig geworden sind.

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Judith Mücke editor

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