Ich bin du – sich selbst im anderen erkennen

VonJudith Mücke

Ich bin du – sich selbst im anderen erkennen

DSCF4588Wenn du auf das Verhalten, auf die Reaktionen und auf die Lebensweise deiner Mitmenschen schaust, dann blickst du immer in einen Spiegel. Du siehst dich selbst darin. Vieles davon lässt dich ruhig bleiben, einiges regt dich auf. Besonders aufschlussreich ist hier all das Benehmen, das du bei anderen ablehnst, das dich abstößt oder auch besonders anzieht, eines, das du vielleicht sogar bewunderst.

Schaust du kritisch und abwehrend auf deine Eltern, Freunde, den Partner oder auf deine Kinder, dann verurteilst du dich selbst in ihnen. Normalerweise denkst du vielleicht, dass du tatsächlich den anderen meinst, doch in Wirklichkeit stehst du vor einem großen Spiegel, der dir lediglich zeigt, was du an dir selber nicht wahrhaben möchtest, was du nicht annehmen kannst oder was du nicht sein willst. Das kann etwas negatives, aber auch etwas positives sein.

Um dich selbst in dem anderen erkennen zu können, brauchst du eine große Entschlossenheit, dich selbst wirklich entdecken zu wollen. Denn wenn du dir tatsächlich deiner selbst gewahr wirst, kann es sein, dass dir das Angst machen wird, dein bisheriges Selbstbild zerstört, du enttäuscht bist oder nicht glauben kannst, wie groß und wundervoll du in Wirklichkeit bist.

Dich in deinem Gegenüber zu spiegeln, kann dir jedoch helfen, vor allem das, was in deinem Unterbewusstsein schlummert, ans Tageslicht zu befördern. Das Unterbewusstsein ist kein verschlossener geistig-seelischer Ort. Es ist ein Bereich, dem wir einfach nur permanent den Rücken zukehren, ihn ignorieren und so tun, als gäbe es ihn nicht. Je stärker wir Teile von uns selbst verborgen halten wollen, desto intensiver spiegeln uns das unsere Mitmenschen, vor allem die, die uns sehr nahe stehen. In dem Moment, in dem wir uns dem Unterbewussten bewusst zuwenden, hinschauen, hin spüren, lauschen und offen sind für uns selbst, offenbart es sich uns auch sofort. Halten wir Nase, Ohren und Augen zu, dann bekommen wir eben nichts mit.

Öffnen wir uns dafür, uns in unseren Mitmenschen selbst wahrzunehmen, dann können wir viele interessante Erkenntnisse gewinnen und unser natürliches Selbstbewusstsein kann wachsen, was dazu führt, dass wir uns zunehmend sicherer, klarer und glücklicher fühlen.

Ganz praktisch funktioniert das so:

  1. Du bemerkst, dass du eine Person ablehnst oder besonders toll findest.

  2. Du formulierst für dich, was es genau ist, das dich abstößt oder anzieht.

  3. Du gehst in dir auf die Suche nach dem, was damit weitestgehend übereinstimmt.

  4. Du stellst fest und spürst: das ist auch bei mir so, das mache ich ganz genauso … usw. – der Moment der Selbsterkenntnis ist zwar nicht immer der angenehmste, aber er befreit dich aus dem Gefängnis des Unbewusstheit und das kannst du sofort spüren.

  5. Erkenne, dass das, was du da entdeckt hast lediglich ein Ausdruck von dir ist, der sich verändert, wenn du ihn lässt. Oder es ist eine alte Erinnerung (Schmerz, Verlustangst, Minderwertigkeit), die sich auflöst, wenn du sie fühlst. Ändere gegebenenfalls dein Denken oder Handeln.

    Beobachte, wie die Spiegelung langsam verschwindet. Das ist ein bemerkenswertes Phänomen.

Beispiele von Ablehnung und Spiegelung aus meinem Praxisalltag:

  1. Ablehnung: Mein Mann verletzt mich.

  2. Was ist es genau: Er geht nicht einfühlsam genug mit mir um und ignoriert mich.

  3. Was ist es in mir: Ich bin sehr empfindsam und lenke mich von meinen vielen Gefühlen unentwegt ab, anstatt mich ihnen fürsorglich zu zu wenden.

  4. Ich sehe mich in dir: Ich gehe mit mir genauso ignorant um, wie er es mir zeigt.

  5. Erkenntnis: Ich ignoriere mich selber, weil ich es nicht anders gelernt habe. Jetzt will ich da mehr auf mich achten.

  1. Ablehnung: Mich verwirrt meine Frau.

  2. Was ist es genau: Sie verhält sich wie ein Kind und will, dass ich ständig für sie da bin.

  3. Was ist es in mir: Auch in mir gibt es kindliche Anteile, die wollen gesehen und bemuttert werden, doch das lehne ich ab.

  4. Ich sehe mich in dir: Ich habe eine große Sehnsucht danach, klein sein zu dürfen und darin gut aufgehoben zu sein, so, wie sie es mir zeigt.

  5. Erkenntnis: Ich habe es gelernt, autonom und abgegrenzt zu sein. Das ist gut, doch wenn ich permanent so bin, schneide ich mich von meiner fürsorglichen und herzlichen Seite ab. Mein inneres Kind braucht meine Liebe.

  1. Ablehnung: Mein halbwüchsiger Sohn macht mich wahnsinnig.

  2. Was ist es genau: Er redet nicht und hängt nur rum.

  3. Was ist es in mir: Ich funktioniere den ganzen Tag. Bin nur auf Achse. Von Ruhe keine Spur.

  4. Ich sehe mich in dir: Was würde ich drum geben, tagelang nicht reden zu müssen und im Bett bleiben zu können, so, wie er es mir zeigt.

  5. Erkenntnis: Ich mache mir und ihm Druck. Jetzt will ich selbstfürsorglicher sein und mir Ruhezeiten einräumen.

  1. Ablehnung: Mein Mann ist fürchterlich.

  2. Was ist es genau: Er ist aggressiv und will über mich bestimmen.

  3. Was ist es in mir: Ich bin wütend, doch das halte ich zurück. Ich habe schon lange nichts wirklich selbstbestimmtes mehr getan. Habe meine Autonomie mit der Zeit verloren.

  4. Ich sehe mich in dir: Mir Raum nehmen und ich selbst sein, für mich einstehen, für das, was ich will und gut finde, mit Kraft und Entschlossenheit, genau so, wie er es mir zeigt.

  5. Erkenntnis: Ich mache mich klein, bin ängstlich, obwohl ich eigentlich sehr temperamentvoll bin. Das zeige ich ihm jetzt mehr.

  1. Ablehnung: Sie stößt mich ab.

  2. Was ist es genau: Sie ist einfach nur kompliziert und mit nichts zufrieden.

  3. Was ist es in mir: Ich bin sehr anspruchsvoll und kritisch, um das Leben in den Griff zu bekommen. Dadurch bin ich oft angespannt.

  4. Ich sehe mich in dir: Einfach mal etwas Chaos da sein lassen und nicht permanent für Harmonie und Ordnung sorgen wollen, so, wie sie es mir zeigt.

  5. Erkenntnis: Ich will die Kontrolle über meine Lebenssituation haben. Darin bin ich gut. Ein bisschen mehr das Leben geschehen und den Dingen ihren Lauf lassen, darin kann ich mich üben.

  1. Ablehnung: Ich entferne mich von meinen Freunden.

  2. Was ist es genau: Sie sind alle mit sich selbst beschäftigt und sind nicht für mich da.

  3. Was ist es in mir: Ich fühle mich allein, was ich versuche zu ignorieren. Sitze zu Hause und lenke mich ab.

  4. Ich sehe mich in dir: Mir geht es nicht gut, doch ich weiche mir aus, anstatt mich mir zu zu wenden. Mir ist es unangenehm, intensiver mit mir in Kontakt zu sein, so, wie sie es mir zeigen.

  5. Erkenntnis: Da ist so viel Schmerz und Unsicherheit. Ich bin bereit, mich mehr zu fühlen.

  1. Ablehnung: Mein Kind macht mich ohnmächtig und wütend.

  2. Was ist es genau: Es schreit und quengelt ständig.

  3. Was ist es in mir: In mir schreit und tobt es auch, ich bin unglücklich, überfordert und allein mit allem.

  4. Ich sehe mich in dir: Ich bin völlig fertig. Ignoriere mich und all meine Gefühle schon seit Jahren. Was würde ich drum geben, mal alles raus lassen zu können, wie die Kleine es mir zeigt.

  5. Erkenntnis: Ja, ich bin stark und auch schwach und hilflos. Das erlaube ich mir jetzt mehr.

Was will mir dein Verhalten über mich sagen?

Nimm dir ruhig immer mal wieder Zeit für diese wunderbar erhellende Frage. Die Antwort trägt dich immer näher zu dir selbst, sie lüftet dunkle Keller und lässt dich verborgene Schätze in dir entdecken.

Mit positiven Eigenschaften funktioniert das auch sehr gut. Was dich anzieht und dir Freude bereitet, bist du selber. Erkenne dich selbst. Nur Mut.

Über den Autor

Judith Mücke administrator

%d Bloggern gefällt das: