Was ist stellvertretende Wahrnehmung?

Bei der stellvertretende Wahrnehmung nehmen wir nicht uns selber wahr, sondern andere Menschen. Das innere Wesen einer anderen Person können wir genauso deutlich wahrnehmen, wie unsere eigenen Gefühle, Gedanken, Muster und Verbindungen zu anderen Menschen. Während der stellvertretenden Wahrnehmung ist der geistig-seelische Inhalt eines anderen Menschen in uns und wir können es spüren, als wäre es das Eigene. Dieses Phänomen kann bis heute nicht vollständig erklärt werden und doch wird es seit Jahrzehnten von Beratern, Therapeuten und Coaches sehr erfolgreich genutzt.

Um diesem Phänomen mit unserem Verstand etwas näher zu kommen, ist es gut, die folgenden zwei Annahmen zu kennen:

  1. Auf der Ebene unserer Gedanken und Gefühle gibt es Raum und Zeit nicht, so dass alles, was wir denken und fühlen immer und überall ist. Würden wir den Raum und die Zeit wegnehmen, dann würde sich die gesamte Existenz im Hier und Jetzt treffen. Nur durch den Raum findet nicht alles am gleichen Ort statt und durch die Zeit geschieht nicht alles im selben Moment.

  2. Alles und jeder Zustand in dieser Welt ist ein Teil eines unendlich komplexen Informationsfeldes. Das kann man sich vorstellen wie das World Wide Web, das weltweite Netz, unser Internet. So, wie wir im Internet durch den Computer Informationen abrufen können, so können wir aus diesem Informationsfeld, dem wissenden Feld, wie Albrecht Mahr es nannte, Informationen durch die stellvertretende Wahrnehmung abrufen.

Wie funktioniert stellvertretende Wahrnehmung?

Mich hat schon immer interessiert, wie es sein kann, dass ich das „Innenleben“ einer anderen Person erfassen kann, ohne diese Person zu kennen, sogar ohne, dass sie anwesend ist. In der Psychologie gibt es den Begriff der Übertragung, doch er beschreibt einen anderen inneren Vorgang, nicht das, was ich bei der stellvertretenden Wahrnehmung erlebe: Bei der Übertragung werden Gefühle oder Erwartungen, die wir in Bezug auf einen Elternteil entwickelt haben, auf andere Menschen gerichtet. Auch die interessante Entdeckung der Spiegelneuronen kann dies nicht vollends erklären: Hier geht es um Nervenzellen, die durch Gefühle und Stimmungen anderer Menschen beim Empfänger zu reagieren beginnen, wie wir das vom Gähnen kennen. Ein Mensch in unserer Nähe gähnt und steckt damit augenblicklich einen anderen an.

Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie die stellvertretende Wahrnehmung vielleicht vonstatten gehen könnte, ist es erst einmal hilfreich, davon auszugehen, dass unser Körper sich auf einer Ebene befindet, auf der Zeit und Raum existieren. Und dass unsere Gedanken und Gefühle dort zu Hause sind, wo es Raum und Zeit nicht gibt. Für diese Ebene, wo all die Informationen und Energien existieren, habe ich folgende Begriffe entdeckt: Nullpunktfeld, Quantenfeld, morphisches oder wissendes Feld. Hinter all diesen Begriffen verbirgt sich eine sehr interessante Entdeckung, die von unterschiedlichen Forschern und Wissenschaftlern in der ganzen Welt gemacht wurde. Darunter waren Physiker, Neurowissenschaftler, Biologen und Bewusstseinsforscher. Sie kamen unabhängig voneinander zu dem Ergebnis: Eine getrennte Wirklichkeit zwischen den Dingen gibt es nicht.

Alles im Universum ist miteinander verbunden. Wenn der Raum frei von Materie ist, so ist er jedoch niemals frei von Energie. Der leere Raum ist voll mit Energie, die das Universum wie ein Netz durchzieht. Dieses Energienetz besteht aus Elementarteilchen, die sich unaufhörlich bewegen und miteinander ohne Zeitverzögerung im ständigen Informationstransfer stehen.

Wir befinden uns also in einem Ozean aus Energiefeldern und bestehen selber ebenfalls daraus. So wie der Tropfen im Meer mit dem Meer eins ist, sind wir immer und überall mit allem verbunden. Alles, was je gedacht wurde und existiert hat, kann als Information aus diesem Feld abgerufen werden. Gleichzeitig speisen wir durch unsere Gedanken, Gefühle und Erlebnisse permanent Informationen in dieses Feld ein.

Während der stellvertretenden Wahrnehmung öffnen wir uns im Grunde für Informationsmuster, die zu einer anderen Person, zu einem Ereignis, zu einem Tier, zu einer Pflanze oder zu einem Gegenstand gehören. Durch die innere Konzentration und Fokussierung, können wir uns mit all den Informationen einer bestimmten Idee, Sache oder Person verbinden. Auf diese Weise, grenzen wir es auch von allem anderen ab. Wir sind also keine Informationsempfänger, sondern ziehen diese aus dem unendlichen Informationsmeer durch Fokussierung an und können die Informationen, wenn wir sie wahrgenommen haben, zum Ausdruck bringen. So könnte man sagen, dass die stellvertretende Wahrnehmung eine menschliche Fähigkeit ist, mit geistig-seelischen Zuständen, die nicht die eigenen sind, im eigenen Körper vorübergehend eins zu werden. – Denn normalerweise sind wir eins mit unseren eigenen persönlichen inneren Zuständen.

Andere Menschen stellvertretend wahrzunehmen, ist im Grund nichts anderes, als sie zu hören oder zu sehen. Mit der indirekten Wahrnehmung können wir über die physischen Sinne andere Menschen wahrnehmen und über die direkte Wahrnehmung sind wir in der Lage, nicht nur unsere eigenen inneren Dimensionen zu erfassen, sondern auch die, aller anderen Menschen. Menschen, die schon mit systemischer Aufstellungsarbeit in Berührung kamen, kennen dieses Phänomen, das so leicht vonstatten geht, dass man es erst mal kaum glauben kann. Wird die stellvertretende Wahrnehmung geschult, dann kann sie sogar als diagnostisches Verfahren dienen.

Weiter mit Selbstwahrnehmung in der Gruppe

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